Rentnervorteil: Endlich ganztags fernsehen!

Selbst im Alter lernt man täglich dazu. Und obwohl das deutsche Fernsehen angeblich ständig an Niveau einbüßt, habe ich dort manches erfahren, was mir in meiner einst rentenlosen Zeit versagt blieb.

Immerhin hatte ich zu Beginn meines Ruhestands endlich das lang ersehnte Privileg, alle jene Sendungen zu sehen, die ansonsten Nur-Hausfrauen, Arbeitslosen, Hartz-IV-Empfängern vorbehalten waren. Und eben Rentnern, zu denen ich mich seit über fünf Jahren auch zählen darf.

Tag für Tag lief da ein buntes Programm ab, nicht ganz aus dem richtigen Leben – jedenfalls nicht aus dem meinen. Doch das kannte ich ja ohnehin.

Da saßen in Gerichtsshows gut geschminkte Richterinnen und Richter neben arroganten Staatsanwälten und mutigen Verteidigerinnen, die sich gegenseitig ins Wort fielen.  Schicksalsträchtige Soaps voller Liebe, Leid und Leidenschaft rührten selbst mich zu Tränen, und Talkshows präsentierten Leute, die mir einst in der Stadtverwaltung begegneten, als ich noch durch den Flur des Sozialamts auf dem Weg zu anderen Dienststellen war.

Von Talkmastern wurde junge Männer vorgeführt, die unbedingt eine Freundin haben wollten, sich aber nur ungern wuschen. Ihre Einsamkeit schoben sie allerdings auf ihren zu kurzen – wie sagt man zu dem Ding noch mal…?  Die Moderatorin half dem weniger wortgewandten Jungmann selbstverständlich gern: „Man kann Penis dazu sagen. Heute sagen viele einfach Schwanz, obwohl der bei Tieren ja eher hinten angewachsen ist.“

Gut, das wusste ich schon, aber dass es immer noch junge Männer gab, die im Alter von über zwanzig Jahren die Dusche scheuten, war mir weniger geläufig.

Dass ich einige Tage danach zweimal am Tag duschte, fiel mir erst auf, als meine Haut zu schuppen begann.

„Rote Rosen“ hieß mein morgendlicher Serienfavourit.

Innerhalb weniger Folgen wurde sich verliebt, wurde geheiratet und ließen die einst so erfolgsversprechenden Paare sich wieder scheiden, wenn nicht gerade ein tragischer Tod durch unheilbare Krankheit die schöne Ehefrau vorzeitig dahinraffte.

Alles spielte im Milieu der Reichen und Schönen, das einem ehemaligen Sozialarbeiter wie mir, doch eher fremd geblieben war.

Immerhin wußte ich jetzt, unter schönen Reichen führte ein gemeinsamer Ausritt zu Pferd vom geerbten Landgut aus über die dazu gehörigen Wiesen, zu der in diesen Kreisen gewöhnlichen Art der sexuellen Annäherung. Die wiederum fand schließlich in einem einsamen Heuschober statt.

Jedenfalls galt das offenbar für den romatischen Teil Lüneburgs und dessen Umgebung. Denn dort wurde „Rote Rosen“ zu Fernsehzwecken aufgenommen.

Was ich aus meinen Besuchen und Aufenthalten als einst ehrenamtlicher Hilfschöffe in Gerichtssälen noch nicht wusste, lernte ich bei privaten Fernsehsendern am Nachmittag.

Eifersüchtige brav gekleidete Ehefrauen gingen auf nicht minder eifersüchtige, aber reizvoll tief dekolletierte Geliebte ihres Ehemannes los. Und der Ordnungsbeamte schritt auf Anordnung des Richters erst ein, wenn die Damen sich fernsehdramengerecht in die Haare gerieten. Selbst das vom Richter angedrohte Ordnungsgeld, hielt die beiden Damen nicht davon ab, sich ein zweites und drittes Mal an den langen Haare zu zerren.

Selbstverständlich hatte die brave Ehefrau einen Brandanschlag auf die Geliebte zu verantworten, der zum Glück nicht die Haut des ansehnlichen Dekolletees sondern nur die des linken Arms maskenbildnerisch verunzierte.

Die Dame wurde verurteilt. Und der als Zeuge geladene Ehemann grinste dazu großformatig vom Bildschirm.

Vor gut einem halben Jahr beschwerten sich schließlich ein paar meiner Senioren-Freunde, dass ich mich kaum noch bei ihnen sehen ließ.

Als ich kurz danach umzog, habe ich den Fernseher in der neuen Wohnung nicht mehr angeschlossen. Gegen Süchte – auch gegen Fernsehsucht – hilft bekanntlich nur vollkommene Abstinenz.

Ich mache daher extra Vormittags- und Nachmittagstermine mit meinen Freunden aus.

Allerdings, wenn meine Mitrentner über ihre neusten Fernseherlebnisse zu plaudern beginnen, (und das tun sie erstaunlich häufig) kann ich inzwischen kaum noch mitreden.

Karl Feldkamp wurde 1943 in Lübeck geboren und lebt seit 2011 In Engelskirchen-Wallefeld. Er schreibt Lyrik, Prosa, Satire, Aphorismen und Rezensionen. Bisher veröffentlichte er 5 Bücher, (darunter AngstAugen, Dittrich Verlag, Köln 1997) ein E-Book, ein Hörspiel sowie Lyrik und Prosa im In- und Ausland in Literaturzeitschriften, Schulbüchern, Anthologien und im Rundfunk. 2 Bücher gab er zudem heraus. Er erhielt den Xylos-Lyrikpreis 1981, 2009 den Preis des Stadtverbandes Kultur Bergisch Gladbach Der Bopp. Er ist Mitglied im Verband Deutscher Schriftsteller (VS) sowie in diversen Kulturinitiativen. Sein Motto: Bei jedem Irrtum gewinnt die Wahrheit Zeit.

Karl Feldkamp wurde 1943 in Lübeck geboren und lebt seit 2011 In Engelskirchen-Wallefeld. Er schreibt Lyrik, Prosa, Satire, Aphorismen und Rezensionen. Bisher veröffentlichte er 5 Bücher, (darunter AngstAugen, Dittrich Verlag, Köln 1997) ein E-Book, ein Hörspiel sowie Lyrik und Prosa im In- und Ausland in Literaturzeitschriften, Schulbüchern, Anthologien und im Rundfunk.
2 Bücher gab er zudem heraus. Er erhielt den Xylos-Lyrikpreis 1981, 2009 den Preis des Stadtverbandes Kultur Bergisch Gladbach Der Bopp. Er ist Mitglied im Verband Deutscher Schriftsteller (VS) sowie in diversen Kulturinitiativen. Sein Motto: Bei jedem Irrtum gewinnt die Wahrheit Zeit.

 

 

 

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