Alle Welt kannte ihn als Justus Pfaue: Norbert Sellmann ist tot

„Ich bin ja hier so einer, der sich gern mal bei Todestagen wirklich wichtiger Menschen in dieser Republik zu Wort meldet, der aber noch viel lieber aufzeigt, wenn solche Menschen Jahrestage haben, Geburtstage zum Beispiel.“ Das schrieb ich im Juli vergangenen Jahres in den revierpassagen und musste zerknirscht gestehen, dass ich seinen 80. Geburtstag verpasst hatte, ihm aber wenigstens ein Jahr danach noch Ehre erweisen wollte. Ich irrte, er war gerade erst 70 geworden. Dass Justus Pfaues Lebensweg knapp ein Jahr später mir den traurigen Anlass gibt, wieder über ihn zu schreiben, senkt meine Stimmung. Er starb mit 72 Jahren in Berlin.

Justus Pfaue, der eigentlich Norbert Sellmann hieß, das war der kluge Mensch, aus dessen Feder so viel Berühmtes stammte: “Timm Thaler”, “Patrik Pacard – Entscheidung im Fjord”, “Oliver Maass – Das Spiel mit der Zaubergeige”, “Bas-Boris Bode – Der Junge, den es zweimal gibt”, “Teufels Großmutter oder der Himmel auf Erden”, “Anna” und noch vieles andere. Justus Pfaue hat viele Kinderbücher, sehr viele Drehbücher und aus diesem Fachbereich seiner rastlosen Arbeit das eine oder andere auch für sehr, sehr bekannte Filme geschrieben, er war einer der bedeutendsten seiner Zunft in Europa, lebte wahlweise in München und Positano (Campagna, Italien), ein Ort, von dem John Steinbeck mal schrieb, dass er der einzig senkrechte auf der Welt sei.

Und – Justus Pfaue, Norbert Sellmann, geboren in Ballenstedt (Sachsen-Anhalt) war aus Unna.

Trotz seiner grundständigen Abneigung gegen alles, was mit Journalismus zu tun hatte, führte ich vor ungefähr 25 Jahren mal ein langes Telefonat mit ihm, das er dann abrupt abbrach, als es ihm anscheinend zu nahe kam. Was habe ich es genossen, diesen Medienphobiker kurzfristig „aufgeschlossen“ zu haben. Ich behielt vor einem Jahr auch artig mein Herrschaftswissen über Justus Pfaues Geburtsnamen, den anscheinend nicht einmal das allwissende Wikipedia kannte – heute, nach seinem Tod, wird er dort aber veröffentlicht. Die paar Handverlesenen in Unna, die ihn auch kannten, sind heute traurig.

Er war Jurist, forensischer Psychologe und gestochen scharf Beobachtender des menschlichen Alltags, woraus er sich bereits in Studienzeiten Material für seine späteren Produkte holte und für die „ZEIT“ und den Hörfunk Berichte oder glossierende Geschichten schrieb. Brigitte Horney, Peter Pasetti, Gerd Baltus, Loni von Friedl, Eberhard Feik, Elfriede Kuzmany, in neuerer Zeit Jürgen Vogel – alles Namen, die in den Rängen der Großen deutscher Schauspielerei zu siedeln sind. Sie alle rissen sich darum, in einer Serie oder einem Fernsehfilm mitzuspielen, dessen Grundidee von Justus Pfaue entwickelt worden war.

Bevor er so begehrt und offensichtlich auch von Fachleuten zu Recht bewundert wurde, zog es ihn durch viele Bereiche Unnas und immer mal wieder mit seinen Freunden ins Café Jokisch (ungefähr da, wo heute ein überflüssiger Balkon die Unnaer Marktatmosphäre stört). Da half die “Kleine Jokisch” gern mal dem Vater und bediente die Kundschaft. Der junge Justus und seine Freunde hatten es besonders gern, wenn gerade sie ihnen den Kaffee servierte, weil die “Kleine Jokisch” ein sehr apartes Wesen war (und sie ist das auch heute noch).

Dann aber verlagerte es ihn in Richtung des deutschen Südens und er wählte München zu seiner Hauptresidenz. Zu den Unnaer Freunden hatte er nur noch vereinzelt Kontakt. Aber ganz verlor er sie nie aus dem Sinn, einen sollte ich damals ausdrücklich grüßen – trug er mir noch auf, bevor er das Gespräch so abrupt beendete.

zuerst erschienen bei revierpassagen

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