Armer Thilo: Er leidet unter Tugendterror

Ich hatte es ja befürchtet, hegte allerdings die Hoffnung, drum herum kommen zu können, diese Hoffnung trog, wie ich heute erfuhr. Er hat es wieder getan: Thilo Sarrazin hat wieder ein Buch geschrieben, und was noch schlimmer ist, er hat einen Verlag, der es drucken lässt, bewirbt und in die Buchläden bringt.

„Der neue Tugendterror“ heißt es, vom bedauernswerten Opfer Thilo Sarrazin handelt es, die Leiden eines alten Werters im boshaften Dschungel des bundesdeutschen Gutmenschentums mit angeschlossener Medienbranche soll es erzählen. Der verlagsernannte Querdenker tobt seinen Flachsinn mal wieder „gewohnt scharfsinnig“ (Werbe-O-Ton des Verlages, DVA)  aus, rechnet mit Mistständen ab, geißelt alles, was nicht in der Betrachtung seines überragenden Geistes bestehen kann (und da gibt es vermutlich nur sein Spiegelbild) und belehrt jedermensch, dass er nur einem seine ungeteilte Bewunderung schenken darf, ihm, dem Thilo aller Thilos.

Was wird in den kommenden Wochen nach der Ankündigung des bevorstehenden Unheils geschehen? Ganz einfach: Es wird jede sich bietende Talkshow demnächst ganz sicher den schnaubenden Schnäuzer des über Wasser gehenden Alleswissers unter sich wissen wollen. Es wird im Minutentakt über den neuesten Thilo gesprochen werden und in langweiligen Zugabteilen wird mensch alle Nase lang Fetzen tiefgründiger Gespräche mitbekommen: „Wissen Sie, so ganz unrecht hat er ja nicht…“

100.000 Startexemplare wollen ja verkauft sein, und Herr Sarrazin hat ganz sicher Vorkasse ausgehandelt, denn er verhandelt nach eigenem Bekunden vor laufenden Talkshow-Kameras ausgesprochen gut.

Aufs Kurze reduziert, bejammert der nie irrende Wasserwanderer den mählichen Verlust von Meinungsfreiheit in diesem, unserem Lande. Wenn er, der Unfehlbare, mal eine Einschätzung von sich gebe, die stromaufschwimmend am Gutmenschen-Mainstream Widerspruch übe, dann sei es danach mit öffentlicher Ächtung verbunden. Der Ärmste, ich kann mein Mitleid kaum bremsen. Aber Thilo und alle seine „Ganz unrecht hat er ja nicht“-Follower seien versichert: Zur Zeit darf noch jeder in der Republik sagen und schreiben, was er will, selbst wenn er der größte Blödsinn ist. Belege für diese Behauptung sind stündlich in Nachrichtensendungen oder Talkshows zu finden, und nicht nur durch Herrn Sarrazin geliefert.

zuerst erschienen: revierpassagen.de

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