Friedhelm Böcker gibt geschriebene „EinBlicke“: Biker durch die Zeit

„Ich sollte im November 1944 das Licht dieser Welt in Hörde erblicken. Hätte man mich gefragt, wäre ich lieber in Mamas Bauch geblieben, denn draußen tobte der Krieg. Das Haus auf der Wellinghofer Straße, in dem ich geboren werden sollte, stand am 22.11.1944 nicht mehr, es lag in Trümmern. Ein neues Zuhause fanden meine Eltern bei Oma und Opa in dem Bergarbeiterhaus der “Siedlung  Crone“ in der Antoniusstraße, auch „Negerdorf“ genannt.“

Biker Böcker: Immer die Arbeiterkultur in Sinn auf einblickenden Zeitreisen. (Foto: Privat)

Biker Böcker: Immer die Arbeiterkultur in Sinn auf einblickenden Zeitreisen. (Foto: Privat)

So fing alles an. Friedhelm Böcker heißt der Knabe, wie unschwer zu errechnen ist, heute kurz unter 70 Jahre alt, recht beweglich und sogar sportlich für sein Alter, mobil gern als bikender Kerouac-Follower und auch bei dem Verfassen autobiografischer Skizzen über sich, seine Familie und Dortmund (speziell Hörde) erkennbar seinem Lebensthema von Bestand treu: der Geschichte einer nach wie vor nicht vollends abgeschlossenen Befreiung der Werktätigen Gehör zu verschaffen. Dass diese sich derzeit arg auf einer rückziehenden Bewegung befindet, muss nicht näher erläutert werden.

Friedhelm Böcker, Dortmunder durch und durch, rastlos und kulturkämpferisch aus Überzeugung, ständig in der eigenen Erinnerung gedanklich bei der schwiegerväterlichen Sangesgruppe „Stahlkocher“ und deren Inhalten, hat ein Buch verfasst. „EinBlicke“ nannte er es, modern die Art schriftlich zu zeigen, dass der Verfasser seine Zeit auch nicht nur als die Folge einen viel besser-schlechteren ansieht, sondern sie bewusst wahrnimmt und als prägend erlebt.

„Gleich hinter dem Sportplatz hatten wir unser eigenes Areal. Hier zwischen Birken und Büschen bauten wir unsere Baumbuden, gingen aber auch Untertage. Als unsere Eltern unsere Untertagebude sahen, schlugen sie die Hände über dem Kopf zusammen. ,Kinder seid ihr denn verrückt, der Stollen kann doch einstürzen.‘ Er stürzte nicht ein. Ach ja, hier rauchten wir auch die ersten Tonpfeifen, die ich mit selbst angebautem Tabak auf Opas Boden gefunden hatte.“

Friedhelm Böcker, inzwischen promoviert und unter anderem populärer Kämpfer für den gerechten Blick auf Kuba – oder jede andere Region der Welt, die sich tapfer gegen das wehrt, was andere als zivilisatorische Segnungen preisen – ist in der Region keineswegs ein unbekanntes Wesen. Er kam Ende der 1970-er Jahre mit „Hoffmanns Comic Teater“ nach Unna, dessen Ensemble vom damaligen Kulturamtsleiter Axel Sedlack im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme aus Dortmund kommend an den Hellweg verpflichtet wurde. Peter Möbius, Claudia Roth, Namen, die noch heute den wilden Klang einer bewegten künstlerischen und politischen Zeit um sich tragen, und Friedhelm war dabei, ein begabter Organisator, der hinter der ersten Reihe der vorweg Agitierenden vieles möglich machte, was umsichtig gelenkt werden musste. Einen Teil dessen, was er da als Können offenbarte, hatte er vermutlich an einer Stelle gelernt, die er in seinem Buch als „musste ich durch“ beschreibt.

„Wie viele meiner Altersgenossen bekam auch ich den Musterungsbescheid, mein Antrag auf Kriegsdienstverweigerung wurde nach kurzer Anhörung abgelehnt, ich wurde eingezogen. Die Grundausbildung begann in der Westfalenkaserne in Ahlen und für mich ein anderes Leben. Ich lernte junge Offiziere kennen, unter ihnen welche, die im normalen Leben außerhalb der Kaserne sicher Versager waren, sich hier aber groß aufspielten. Ich lernte aber auch Offiziere kennen, die schon unter Hitler gedient und sein Gedankengut geteilt hatten. Ich wollte und konnte nicht in dieser Armee mitspielen, doch ich musste dadurch.“

Nach der aufregenden, eine ganze Stadt anregenden und manche Zeitgenossen in ihr erregenden Zeit des „Hoffmanns Comic Teater“ blieb der Hörder in Unna bei der Stadt und organisierte. Noch heute gibt es ein Stadtfest dort, dessen bescheidene Anfänge auf sein hartnäckiges Mitwirken zurückzuführen waren. Mit einem bundesweit bekannten Trucker („Brummi Deutschland“) stellte er diverse Festivals auf die Beine, deren Wert er heute mal eher kritisch betrachten dürfte, was andere schon damals taten.

Dann zog er sich aus dem Hellwegraum wieder zurück, zurück in die Dortmunder Heimat. Strengte sich noch mal ordentlich an und tat alles dafür, einen Dr. phil. vor seinen Namen setzen zu dürfen. Quasi als Symbol dafür, dass ein Arbeiterkind alles werden kann, was es erstrebt, weil Begabungen eben nicht schichtenspezifiscb verteilt werden.

Vor 25 Jahren war er vorn dabei, als die „Kuba-Hilfe“ ins Leben trat, sie in Dortmund-Wellinghofen an der Antoniusstraße eine Zentrale fand. Die sich bis heute einen festen Stand bewahrt. Visionär schaut am Kopf ihrer Seite bei facebook der Commandante Che (Ernesto Rafael Guevara de la Serna) in eine neue Zeit. Er war halt ein Träumer, der Che.

„Viele Tage im Jahr durfte ich vergessen, nicht aber den 1. Mai.“

Bertolt Brechts Portrait schmunzelt rechts oben neben Engels und Marx auf der Seite des NZ-Verlages – Verlag für Arbeiterkultur, als wolle er schnell einen tiefen Zug aus seiner Zigarre nehmen. Drum, links, zwei, drei …

„EinBlicke“, ein Taschenbuch von Friedhelm Böcker. Auf 112 Seiten berichtet er in lockerer Weise über vergangene Zeiten.

EinBlicke, 9,90€  zzgl. 2,50€ Versandkosten
Bestellungen per e-mail: friboe@aol.com
Mehr dazu unter: www.nz-verlag.jimdo.com

 

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