Er war der Bariton des Wirtschaftswunders: Fred Bertelmann ist tot

 Er spielte klassisches Theater (u.a. “Götz von Berlichingen” oder “Der Widerspenstigen Zähmung”), er füllte Boulevard-Theater-Säle (“Die Sonny-Boys”) oder Musical-Bühnen (“Kiss me Kate”), er war jahrelang Star an der Oper in Chicago in “Showboat”, er spielte Cello, Violine und Trompete, er wollte mal Kinderarzt werden … und: Wie kaum ein anderer malte er mit seinem warmen Bariton das Lebensgefühl der 1950-er Jahre: Fred Bertelmann, der Junge aus Duisburg-Meiderich, ist am gestrigen Mittwoch mit 88 Jahren gestorben.

Als ich davon las, hatte ich sofort das Bild des “Lachenden Vagabunden” vor Augen und dieses Lied im Ohr, hörte die fröhliche Melodie (eigentlich “Gambler’s Guitar” von Jim Lowes) und Fred Bertelmanns schallenden Lachgesang, mit dem er 1957 die Hitlisten in Deutschland erklomm. Da hatte er schon ein paar Nachkriegsjahre als Musiker erfolgreich hinter sich, hatte in Schweden mit Zarah Leander musiziert, Michael Jary kennengelernt, auch seinen späteren Produzenten Nils Nobach und natürlich seinen Manager Stefan von Baranski, der seinen Weg zum Aufstieg ebnete.Und so wurde aus dem Soldaten, der 1944 in amerikanische Gefangenschaft kam und Swing-Erfahrungen sammelte, einer der ersten deutschen Superstars, der durch seine enorme künstlerische Vielseitigkeit zwar seine Zeitgenossen faszinierte, aber schon bald auf diesen “Vagabunden” reduziert werden sollte: Fred Bertelmann, die Wirtschaftwunder-Ikone, der Schlager-Gassenhauer-Interpret, der ein Lebensgefühl spiegelte, in dem Deutschland versuchte, sich aus dem Trümmerfeld und den Erinnerungschrecken, die der Krieg hinterlassen hatte, heraus zu pellen.

Bereits ein Jahr nach dem Erscheinen des “Lachenden Vagabunden” wurde ein Kino-Film aus dem dürren Stoff, den Fred Bertelmann besang. Als er in Duisburg Premiere feierte, hatten die Kinder schulfrei. Sein Erfolg strahlte bis über den Atlantik, wo er bei Dean Martin und Perry Como in deren Shows auftrat. Daheim stellten sich Marika Rökk, Gerhard Wendland, Vico Torriani oder der unvergessene Hans-Joachim Kulenkampff allzu gern an seine Seite, um mit ihm angestrahlt zu werden. Und mit Ruth Kappelsberger, der ehemaligen TV-Ansagerin, bildete er ab 1966 ein skandalfreies Traumpaar der damaligen Showszene.

Noch 2005 und 2006 trat er an der Bayerischen Staatsoper im Rahmen der Münchner Opernfestspiele als Aeneas auf der Bühne des Prinzregententheaters in München auf. Fred Bertelmann war eben ein ungemein vielseitiger und viel arbeitender Musiker.

Nach dem “Vagabunden” kamen  viele weitere Hits. Zum Beispiel: ”Wenn es Nacht wird in Montana”, “In Hamburg sind die Nächte lang”, “Zwei Gitarren am Meer”, “Ein kleines Lied auf allen Wegen”, “Arrivederci Roma”, “Meine Heimat ist täglich woanders”, “Ti amo Marina”, “Schwalbenlied”, “Es wird in 100 Jahren wieder so ein Frühling sein”, “Gitarren klingen leise durch die Nacht”, “Es ist ein Herzenswunsch von mir”, “Ich wünsch’ dir eine schöne Zeit”, “Die Mühlen”, “Mit dir möchte ich 100 Jahre werden”, “Amore mio”; etwas von all dem wiedererkannt? Und doch: Fred Bertelmanns Bild und Musik wurden stets mit dem “Vagabunden” verbunden.

Frei sein, ungebunden durch die Welt zu streifen, individuell sein und niemandem unterworfen, lachend Obrigkeiten und Konventionen herausfordern. Das waren die Botschaften des kleinen Textes, den Fred Bertelmann sang, der die staubentsteigenden Menschen begeisterte, weil sie unterbewusst spürten, dass dies alles vor nicht allzu langer Zeit brutal unterdrückt worden war. Fred Bertelmann hat zwar nicht mir, aber meinen Eltern und ihren Zeitgenossen das Geschenk der ungetrübten Fröhlichkeit gegeben.

zuerst erschienen: revierpassagen.de

Detlef Mühlberg kann von einer persönlichen Begegnung erzählen, die er mit dem Verstorbenen hatte. Er lernte ihn offenbar von einer sehr warmen, menschlichen Seite kennen.

Screenshot aus: http://www.youtube.com/watch?v=k7uPpGXb2Po

Screenshot aus: http://www.youtube.com/watch?v=k7uPpGXb2Po

 

 

 

 

 

 

 

Damals, mit Fred, leckerem Aal und gutem Köm

von Detlef Mühlberg

Er war ein Lebemann (positiv gemeint) und hat auch andere daran Teil nehmen lassen. Es war nur einen Tag und ein langer Abend in meinem Leben, aber ich glaube ich habe da Fred Bertelmann kennen gelernt, wenn nicht sogar schätzen gelernt.

Es war ein Sommer Mitte der 1980-er, als auf der Ostsee-Insel Fehmarn die Veranstaltungsreihe “Haifischbar” mit dem Kapitän der Guten Laune „Fiete Müntzner“ gastierte. Neben weiteren Künstlern war damals Stargast Fred Bertelmann dabei.

Natürlich ausverkauft. Und dann zogen meine Frau und ich das große Los: Wir durften an einem eigens auf der Bühne aufgestellten Bewirtungstisch Platz nehmen (sozusagen als Requisite), wurden gut bewirtet und waren mitten drin in der Show.

Als alles vorbei war wurden wir von Fred Bertelmann gefragt, ob es nicht irgend typisch uriges Lokal auf der Insel gäbe, wir wären natürlich eingeladen. Da fiel mir die rustikale Aalkate in Lemkenhafen ein, wo man eben Aal ohne Besteck zu sich nahm und sich die fettigen Aalfinger in selbst eingeschenkten Köm wusch.

Natürlich schrieb jeder seinen Köm-Verbrauch selbst auf. Auch Fred Bertelmann. Er war so angetan von dieser Atmosphäre, so dass kam, was kommen musste: Unplugged vor vollem Haus sang er über eine halbe Stunde seine Lieder. Zur Freude der Wirtsleute, der Gäste und auch zur eigenen Freude. Das Gastgeschenk der Wirtsleute (Köm und Aal auf Kosten des Hauses) ignorierte er. Beim Bezahlen war er wieder einer von uns. Aber vorher ein liebenswerter Lebemann, der wusste was Genuss ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.