Der „letzte Bohèmien“ Ernst Oldenburg wäre in diesem Jahr 100 geworden

Es muss so um 1971 gewesen sein. Mein alter Freund und Kollege Uwe Krist, damals bei den Ruhrnachrichten, heute reiselustiger TV-Journalist, wollte einerseits, dass wir gemeinsam auf dem Unnaer Alten Markt ein Pils zu uns nehmen und bei dieser Gelegenheit ein paar Worte mit dem mir damals noch nicht bekannten Ernst Oldenburg wechseln, der im Vorort Kessebüren malernd und bildhauernd halbwegs unvergängliche Kunstwerke schuf.

Uwe war nicht nur ein guter Kollege, sondern auch musisch interessiert und ein exzellenter Unterhalter. An diesem Nachmittag vor dem „König von Preussen“ hatte er allerdings wenig zu erzählen, was nicht an ihm lag, sondern an der Tatsache, dass Ernst Oldenburg diese Arbeit an sich riss.

Und er erzählte und erzählte … von Erlebnissen in New York, von frühen Tagen in der Heimat Danzig, von Kunst, von Menschen und sich selbst. Rudernd fuhren seine kräftigen Hände durch die uns umgebende Atmosphäre, als forme er eine seiner Skulpturen, sein beiger Seidenschal passte sich jeder Bewegung an, die Mütze rahmte seinen preussischen Dickkopf ein und gab der Person quasi das schöpferische i-Tüpfelchen. Später sollte ich ihn mal den „letzten Bohèmien“ taufen, ich war heillos fasziniert.

Ernst Oldenburg wäre in diesem Jahr, in diesem Monat am 8. Januar 100 Jahre alt geworden. Und ich bin froh, ihn seinerzeit in einer wahren Lebensblüte kennengelernt zu haben. Ernst Oldenburg wurde am 8. Januar 1914 in Danzig geboren. 1928, im Alter von vierzehn Jahren, wurde er in die Kunstklasse von Prof. Fritz August Pfuhle an der Technischen Hochschule in Danzig aufgenommen. Nach einen Zusatzstudium arbeitete er als Architekt in Berlin. 1940 wurde Oldenburg zur Marine eingezogen. Nach dem Krieg flieht er 1945 mit der Familie von Danzig nach Stralsund und kehrt 1949 nach Berlin (Ost) zurück. Mit der Übersiedlung 1954 in die Bundesrepublik führte ihn sein Weg über Schleswig-Holstein und Marl 1967 nach Unna, wo er bis zu seinem Tod am 9. Januar 1992 wohnte und arbeitete.

Das ehemalige Schulgebäude im dörflichen Unna-Kessebüren diente Ernst Oldenburg seit den sechziger Jahren als Lebens- und Arbeitsraum. Die umfassende Werkschau im heutigen Ernst Oldenburg Haus ermöglicht es den Besuchern Einblicke in das Werk und Leben von Ernst Oldenburg zu gewinnen.

Neben Josef Baron, Carlernst Kürten und Wilhelm Buschulte gehörte Ernst Oldenburg zu den wichtigsten Unnaer Künstlern, deren Namen weit über Stadt, Land und Republik hinaus hohen Rang genoss.

Sein Gesamtwerk umfasst mehr als 1.500 Einzelstücke aus den Bereichen Malerei, Skulptur, Druckgrafik und Zeichnung. Typisch sind die seit dem Ende der 1950er Jahre entstandenen stilisierenden Figurenkompositionen. Zahlreiche nationale und internationale Ausstellungen belegen die künstlerische Bedeutung Oldenburgs.

Seiner grundsoliden künstlerischen Ausbildung verdankte er die Fähigkeit zur souveränen Bildgestaltung, während zugleich der Einfluss des Expressionismus die Abkehr von Sehgewohnheiten und Konventionen begünstigte. So zeichnete es Ernst Oldenburg besonders aus die menschliche Figur in den Mittelpunkt zu stellen und mit einer ausdrucksstarken Formensprache den Blick auf den Menschen zu richten.

Die große Begegnung

Besucher der Unnaer Innenstadt kennen besonders eine Skulptur von Ernst Oldenburg: Seit 1985 prägt seine abstrahierende Zweiergruppe, die „Große Begegnung“, die Fußgängerzone in der Bahnhofstraße.

(Fotos: Stadt Unna/Oldenburg-Museum)

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