Ich rede mir das „Turbo-Abitur“ so schön, dass es mir gefällt

Sie gehört schlicht zu den dämlichsten Entscheidungen, die Politik je unter dem Druck kurz- und röhrensichtiger Wirtschaftsverbände und dem Dauerwirbel der Pisa-hörigen OECD, bei der nur Verwertbarkeit junger Menschen in der Wirtschaft in den Focus gesetzt wurde: die Verkürzung aufs sogenannte „Turbo-Abitur“, die G8-Einführung. Und ausgerechnet eine Grüne, NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann, verteidigt diesen massiven Fehlgriff mit Zähnen und Klauen und redet pastoral dessen segnende Auswirkungen auf Schule, Schüler und die verbesserte Verwertbarkeit vom Herbsthimmel.

JeKi, jedem Kind ein Instrument, das war eine tolle Idee der Schwarz-Blauen. Nur, was nutzte dieser schöne Anschub. Schon früh begannen die Sprösslinge ihre vormalige Begeisterung fürs Musizieren wieder abzustoßen, weil Schule keine Zeit mehr für dergleichen Beschäftigung ließ. Ärzte landauf und -ab warnten, dass Kinder und Heranwachsende vermehrt unter Schlafstörungen, Stresseinwirkungen und burnout-ähnlichen Symptomen litten. Immer mehr Eltern setzten ihre Brut unter kaum mehr einlösbaren Erfolgsdruck. Jung sein wurde langsam aber sicher zur vorgezogenen Berufswelt, mit allen negativen Begleiterscheinungen. Mal abgesehen davon, dass die Schulen allgemein auf diese Veränderung recht unvorbereitet prallten und die Entscheider ihnen kaum Zeit ließen sich dem intelligent, kreativ und vor allem im Sinne der jungen Menschen zu stellen.

Um die geht es ausschließlich. Nicht um Wünsche einer Wirtschaft, die meint, Politik mit dem Begehren nach mehr, nach jüngeren, nach qualifzierteren und zahlenmäßig möglichst schnell nachwachsen menschlichen Ressourcen foltern zu müssen. Es geht auch nicht um mutmaßliche Spitzenstellungen bei immer fragwürdiger werdenden Erhebungen, welche jungen Menschen in welchem europäischen Land denn am besten rechnen, lesen oder gar denken können. Und schon gar nicht geht es um Eitelkeiten, dass diese oder jene Partei die wegweisendsten Ideen hat, im Sinne einer prosperierenden Wirtschaft schon bei windelgestützten Talenten nach der Bestverwertbarkeit zu fahnden.

Und ich erneuere mal hier meinen inzwischen uralten Gedanken, dass man Fachleute auf ein Problem loslassen möge, nämlich ein greises Schulsystem aus dem 19. Jahrhundert auf neue und moderne Füße zu stellen. Meinethalben darf eine Top-Schule am Ende immer noch Gymnasium heißen, damit alle Hüter der abendländischen Kultur ruhig gestellt sind. Nur erneuern möge sich auch diese staubige, höhere Lehranstalt. Aber das wäre doch mal super: Ein Schulsystem zu haben, das zu allererst an den Schülerinnen und Schülern orientiert ist, an deren zukünftigen Anforderungen und möglichen Lebensplänen und an einer Gesellschaft, die sich in den vergangenen Jahrhunderten fortentwickelt hat und in den kommenden Jahrhunderten weiter und ganz neu entwickeln wird.

Schulen in Unna haben immer wieder Attraktivität für die Medien. Im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten wird hier innovative Arbeit geleistet. (Foto Stadt Unna)

Schulen in Unna haben immer wieder Attraktivität für die Medien. Im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten wird hier innovative Arbeit geleistet. (Foto Stadt Unna)

 

 

1 comment for “Ich rede mir das „Turbo-Abitur“ so schön, dass es mir gefällt

  1. 15. November 2013 at 13:07

    …zur „Erneuerung“ einer unvergnüglichen Pädagogik gab es mal den Herrn O`Neill und der wurde auch nicht akzeptiert. Soll da sonst noch einer das Wort, bzw. die Pädagogen führen? Wohl erst, wenn das finstere Mittelalter vorüber ist!

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