Selbstverständnis des Stotterers: Entscheidend ist, was man sagt – nicht, wie man es sagt

Nun ist er auch schon 43 Jahre alt, ackert sich durch seinen Alltag, damit seine Familie ein sorgenfreies Leben hat, hat erkennbare Freude an seinem kommunikativen Berufsleben und wirkt immer noch so wie damals, als wir eine Zeitlang bei der Westfälischen Rundschau miteinander schafften: ein richtig netter Junge mit ganz viel Schalk in den Augen und bisweilen mit einer Art Fragen zu stellen, die sein Gegenüber unsicher machen – ob der wohl mehr weiß? Peter Büttner hat sich irgendwie gar nicht verändert, nur, dass er möglicherweise heute noch mehr arbeitet als damals.

Er wollte den Welttag des Stotterns in dieser Woche (22. Oktober) zum Anlass nehmen, mir davon zu erzählen welche Wege er beschritt, um der zu werden, der er ist. Ein kluger Mann, der seine kleine Schwäche seit Jahrzehnten kennt, nie versuchte sie zu verbergen und genau damit am besten fuhr, es schaffte jede Klippe, wie zum Beispiel Prüfungen, erfolgreich zu umsegeln und nach einer gekonnten Wende die nächste Tonne anzupeilen. Nein, erzählt er, eigentlich waren seine Erfahrungen und Erlebnisse mit den Menschen überwiegend angenehm, Ablehnung oder Häme sind die Ausnahme gewesen und selbst bei Lebensweg entscheidenden Examinia ging es eher darum wie gut die Note ausfallen würde.

Doch von vorn. Peter Büttner hatte als Kind eine Phase, da stotterte er. „Nichts Ungewöhnliches, das geschieht vielen Kindern“, sagt er. Ein Therapeut half ihm dabei, die lästige Störung wieder loszuwerden. Er drückte ihm Smarties in die Hand und trug ihm auf, morgens, mittags und abends eine zu nehmen. Der Trick klappte, das Stottern war weg.

Durch die Grundschule gelangte er ebenso „verletzungsfrei“ wie durch die ersten Klassen des Gymnasiums seiner Heimatstadt Kamen. Gegen Oliver Kaczmarek (Gesamtschule Kamen) spielte er Handball, in seinem Gymnasium saß er als Schülersprecher in der Schulkonferenz, Französisch und Geschichte waren seine Leistungsfächer, der Politik galt sein großes Interesse, aber er wandte sich lieber den GRÜNEN zu.

Und dann, an einem Freitag vor den Osterferien, zerschlissen beim Sport plötzlich die Bänder und er musste operiert werden. Nach Anästhesie und OP ein mieses Erwachen. Peter Büttner stotterte wieder … und wie. Gottseidank, es sind ja Ferien, bis Schulbeginn ist das wieder weg. Ein tröstender Gedanke, aber nicht wirklich an der Realität orientiert. „Es war schon komisch, da kommt man aus den Ferien zurück und muss jedermensch erst mal erklären, dass was passiert ist und vor allem die Lehrer zum Verständnis bekommen“, erinnert er sich. Schließlich sollen die sich ja nicht auf den Arm genommen fühlen.

Und komisch war auch, als Stotterer französisch zu parlieren und der eleganten Sprache ihren Reiz nicht dabei zu nehmen. Aber es gelang. Noch heute liebt Peter diese Sprache, weil sie ihm letztlich eine Hilfe war und seine plötzlich wiedergekehrte Störung verzieh. „Erst mal kein Wort rauszubekommen, wenn man zu vollständigen Sätzen anheben will, das ist schon ein echtes Problem.“ Aber auch hier ein rückschauendes Kompliment an seine Lehrer im Gymnasium. Und wenn mancher, der eigentlich als stockkonservativ galt, auf ihn reagierte als sei im Unterricht alles so normal wie zuvor, dann war das angenehm überraschend.

Peter Büttner rückte seinem Stottern noch zweimal mit Hilfe von Sprachtherapeuten zu Leibe. Das half ihm damit besser klar zu kommen, das leitete ihn auch besser durchs Politik-Studium in Münster und Bochum. „Man muss bei Prüfungen schon selbst darauf Rücksicht nehmen, sonst versucht man sich nur warm zu reden und schon ist die Zeit vorbei.“ Aber auch die Professoren finden eindeutig warme Erinnerungen, brüskes Verhalten lernte Peter nie kennen.

Und nun denken wir gemeinsam darüber nach: Kam das Stottern zu spät, so dass ein Lebensplan nicht mehr geändert werden konnte? Oder kam es, wenn es denn sein musste, zur rechten Zeit, dass der junge Mann bereits einen Lebensweg ausgewählt hatte, den er nicht mehr verlassen wollte? Wie auch immer, Peter Büttner machte den Weg, er arbeitete als Journalist, als Pressesprecher, in Kommunikationsbüros, ist heute in dieser Branche selbstständig und erfolgreich. Aber immer, das sagt er auch ganz deutlich, „with a little help from my friends“. Und die weiß er auch rückbetrachtend zu würdigen. Wie zum Beispiel die Leitung des Dortmunder Reisebüros Hosbach, die jede Bedenken einfach wegwischte und ihn als Leiter Marketing einstellte. Und da arbeitet er auch immer noch, sozusagen als festes Standbein und mit der Selbstständigkeit als Dreingabe.

Nun haben wir sicher zwei Stunden geredet. Und wenn ich es nicht gewusst hätte, wäre mir nicht einmal aufgefallen, dass er zwei oder drei mal (höchstens) hängen geblieben ist. Peter lacht: „Ja, mit wachsendem Alter und erweiterter Erfahrung wird das mit dem Stottern tatsächlich besser.“ Prima. Peter Büttner und ich haben ein paar richtig schöne Stunden miteinander verbracht, er erzählte so ganz von der Leber weg und wir hatten einen Riesenspaß, und nur ganz selten steckten wir im Ernst des Lebens fest.

Abends, als ich noch mal in meinen Rechner schaute, ob wohl wer mir geschrieben haben könnte, finde ich eine eMail von ihm. Darin ein zutreffender Satz, der im übrigen nicht nur für Stotterer seine Gültigkeit hat. Als kleinen Nachtrag schickte er mir:

„Für das Selbstverständnis eines Stotterers ist wichtig: Entscheidend ist, was man sagt – nicht, wie man es sagt. Es gibt viele, die viel reden, ohne wirklich etwas zu sagen.

Und was den Beruf betrifft: Ich schreibe. Das konnte ich schon immer besser als sprechen. Zum Glück haben das die meisten in meiner bisherigen Laufbahn auch immer so gesehen. Hier spielt Thomas Horschler eine große Rolle, aber auch viele andere – Rolf Helmbold, Du, Konrad Harmelink, Peter Meyer, Günther Klumpp, und viele Kunden.“

Er hat es aufgeschrieben, und damit ist alles gesagt.

"Ich kann besser schreiben als reden", sagt Peter Büttner fröhlich und richtete sich gekonnt darauf ein. (Fotos: Rudi Bernhardt)

„Ich kann besser schreiben als reden“, sagt Peter Büttner fröhlich und richtete sich gekonnt darauf ein. (Fotos: Rudi Bernhardt)

 

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