Von Sprachpuristen, greislichen Cavallere und klugen Koalitionen

Manchmal wird das Lesen in seinen Beanspruchungen für Körper und Geist so drückend, dass es schwer ohne fast unhöfliche Ausbrüche zu ertragen ist. Okay, ich habe dann ja so meine Methode, den Versuchungen nach lautstarken Beweisen schlechter Erziehung zu entkommen, ich schreibe das dann gern mal auf und nähere mich der gewünschten Unverschämtheit mit mehr oder minder gelungenen Formulierungen.

Beispiel BILDende Zeitung: Also bundesweit und an keine Region bzw. kommunale Gebietskörperschaft gebunden. Da schwallen sich mit unverholener Häme, aber schlecht versteckten Vorwürfen, wie denn so was wohl an die Öffentlichkeit gelangen könne, Autoren darüber aus, dass Malu Dreyer, die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, in einem Brief an die in jeder Hinsicht unfehlbare Bundeskanzlerin doch glatt in nur sechs Sätzen acht Fehler übersehen habe. Okay, die Frau Ministerpäsidentin hätte mal genau lesen sollen, was ihr da wer auch immer vorgeschrieben hatte, dass sie es an Angela Merkel nach Berlin mit ihrem Dreyer unterschrieben abgesendet hätte. Sicher wäre ihr dann doch aufgefallen, dass ein paar Mängel zuviel in dem kurzen Text zu entdecken waren. Aber eine lässliche Alltagssünde, finde ich. Übel bis unbedingt zu unterlassen finde ich hingegen, dass sich die Texter der BILDenden Zeitung gleich anschließend des Langen und des Breiten darüber auslassen, dass Malu Dreyer seit langem an MS erkrankt sei und unausgesprochen so tun, als könne die Erkrankung eine gehörige Teilschuld daran tragen, dass sie schadhafte Interpunktion und mangelhafte Rechtschreibung nicht auf den ersten Blick erkennen könne. Wenn hier etwas peinlich ist, dann nicht, dass ein fehlerhafter Brief an eine unfehlbare Kanzlerin verschickt wurde, wenn hier etwas peinlich ist, dann ist es die BILDende Zeitung.

Beispiel Roma: Silvio Berlusconi hat sich noch einem machistischen Armdrücken gestellt und dabei verloren. Es ist ja wirklich komisch, dass nach wie vor halb Europa jedes Wimpernzucken dieses Männleins, dessen vollhaariges Haupt durch kräftiges Nachmalen in Form gehalten wird, dessen Synapsen aber seit einiger Zeit eher in einer pubertären Neuordnung wabern, es ist urkomisch wie alle Welt nach wie vor auf ihn und seinen Unsinn reagiert. Es böte sich langsam ja mal an, über alles großzügig hinweg zu schauen, was da an Entgreisungen beim „Cavallere“ heraus kommt.

Beispiel Berlin: Da wird seit heute (offiziell) darüber verhandelt, ob es zu einer Koalition kommen kann oder nicht. Das Wort „Große“ schreibe ich mal nicht, aus was bittesehr könnte denn eine „Kleine“ wohl bestehen. Steuer rauf, mit mir nicht, runter runter, mit mir schon gar nicht, Steuer bleibt wie sie ist, das geht nur mit mir. Als wenn es nur um Steuern ginge. Es würde mir ja schon reichen, wenn außer den Lohnsteuerpflichtigen auch alle anderen, die zu Steuerzahlungen heranziehbar wären, wenn die überhaupt was zahlen würden. Ich  nehme natürlich alle die wirklich gutartigen Gewerbesteuerzahler aus, die gar nicht anders können als zu zahlen, weil sie ja keine Chance haben international tätig zu werden. Kurz: Was wäre das für eine intelligente Koalition, die alsbald beschließen würde, dass jedes Unternehmen, das seine gigantischen Gewinne in der Öffentlichkeit bejubelt, damit der Aktienkurs auch weiter steigt, in angemessener Höhe ans Steuerzahlen kommt. Wäre toll, und sicher hilfreich für die ganze Republik. Aber wir reden ja lieber über große, kleine und nie über schlaue Koalitionen.

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