Die einen wollen Sieger und Besiegte sehen, andere einfach nur den Besseren

Ich sah ja schon so manches TV-Duell, ich las auch schon so manche Nachbetrachtung eines solchen und dann und wann fand ich mich auch wieder bei der Schilderung dessen, was der Nation so geboten wurde von Kandidatinnen und Kandidaten. Diesmal entdecke ich eine besonders eigenwillige Flucht diverser Experten vor der Auseinandersetzung mit Inhaltlichkeit der einen oder anderen Person: Sie versuchen sich an der Exegese von Mimik, Gesten oder Blicken. Sie schaute ihn an, oder auch nicht, sie reckte die Faust der selbstgewünschten Energie und – wann nur machte sie das – sie lächelte würdig-herablassend, wenn er argumentierte. Auch eine Methode, anschließend die je individuell gewünschte Siegerin oder den je individuell erwünschten Sieger zu deklarieren. Ich mache es mir mal einfach: Sieger können beliebig ernannt werden, die Besseren müssen sich ihr Bessersein erarbeiten. Peer Steinbrück war am vielbeschworenen Duell-Abend – für mich ganz persönlich – der Bessere, muss niemanden wundern. Die Verspätung dieser Zeilen sollte auch niemanden wundern, ich hab‘ schlicht vergessen, auf den Sendeknopf zu drücken.

Anfangs holperte er ein wenig durchs Intro, musste wohl doch noch warm werden, dann aber kamen seine Statements stakkatös und sezierend, dann setzte sich bei ihm das durch, das er so lange ich ihn kenne immer am besten verkörpern kann: hanseatische Sachlichkeit gepaart mit der Anmutung, kompetent handeln zu können. Seine amtierende Gegnerin, Angela Merkel, nebelte sich in Wortkaskaden, die sie wohl als persönliche Satzstellungen interpretiert, ein, sagte ganz furchtbar viel, ohne Aussagendes von sich zu geben und vermied erkennbar dort Festlegungen, wo man sie später einmal dran messen könnte. Aber da war ja noch die Horde der Mimik-Interpreten. Sie machte das nach deren Ansicht mit einem Gestus und einem Gesichtsgrimm, der versprach: „Ich mach‘ das, könnt euch drauf verlassen!“ Aber mit Gestus und Mimik ist es ja wahrlich nicht getan.

Nun versuche ich ja schon lange zu einer Erkenntnis zu kommen. Ich frage mich, warum Politik gleich welcher Herkunft immer wieder danach strebt, sich attraktiver zu machen. Mal durch einen Pop-Beauftragten, mal durch zwar arhythmische, aber enorm hektische Tanzbewegungen innerhalb eines Trubels junger Leute, was die eigene Figur völlig unpassend erscheinen lässt, mal durch eine Sprache, die nicht zum Thema und schon gar nicht zum Lebensalter passt. Ich frage mich, was das soll?

Warum versuchen die nicht mal etwas ganz Einfaches: attraktive Politik zu machen, mit zeitgemäßen Themen, am Menschen orientierten Entscheidungen und an Gemeinschafts-bildenden Aktionen?

Wie dem auch sei. Frau Merkel hedderte sich durch das Thema Maut, blieb längere Zeit eine klare Stellung zum Thema schuldig, ehe sie sich dazu durchrang, der Pkw-Maut eine Absage zu erteilen, die ihr so schön aus Bayern aufs Auge gedrückt worden war. „Mit mir nicht“, bestimmte sie dann. Um heute morgen zu lesen, dass ihr hessischer Bouffier sich unter entsprechender Entlastung der deutschen Kraftfahrer eine allgemeine Pkw-Maut durchaus vorstellen könne. Ist ja auch Mist, wir bauen die Bahn fürs Auto, und die ausländischen Reifen fahren die kaputt, ohne zu zahlen. Schön populistisch. Und so koordiniert zwischen Bund und Ländern diskutiert.

Peer Steinbrück schwächelte auch hier und da, aber blieb sich und seinen Themen in einem absolut treu: Stringent, klar, aussagefähig und höflich zog er seinen Stil bis zum Ende durch. Nichts wirkte agressiv, gern zeigte er sich nüchtern analytisch und noch lieber vorausdenkend und zieloriertiert. Ich nahm das Gefühl mit, dass Kompetenz in ein Kabinett blinzeln könnte, das anders zusammengesetzt wäre als bisher. Kompetenz, das käme mir mal sehr gelegen, habe ich in der Vergangenheit häufig vermisst.

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