Bei mancher Art der Sprache werde ich sprachlos

Mir wird trübe vor Augen, schlecht im Magen und übel in der Gedankenwelt, wenn ich die Sprachformen der heutigen Zeit plastisch vor meinem inneren Auge ablaufen lasse. Hat sich ’ne ganze Menge verändert in den vergangenen Jahrzehnten … und ich hab’s nicht aufhalten können, eine Schmach.

Beispiel überall: Da lese ich im Zug in meines Gegenübers Zeitung, dass „ein Angriff auf Syrien schnell möglich“ sei. Na toll, wissen wir das jetzt auch. Warum las ich da nichts von „wird politisch schnell unmöglich gemacht“? Oder so was Ähnliches. Die Sprache hat sich ganz offenbar ins Geschehen eingebettet, setzt nicht mehr Fragezeichen des allgemeinen Zweifels am Handeln der Oberen, sondern neigt schnell zu Aufrufungszeichen des Bejahens, dass die schon alles richtig machen werden. „US-Bomber sind startklar zum Angriff auf Assads Armee“ – ist ja beruhigend. Und dann, gegen frühen Nachmittag, gibt’s den Höhepunkt im Netz zu lesen. Da macht ein Medium, normalerweise groß geprintet, den ultimativen Check. Motto: Wie stark ist Assads Arme wirklich? Ich frage, nicht nur mich, wohin treibt mein ehemaliger Berufsstand denn noch?

Beispiel Nürnberg: Arbeitsverwaltung verhängt 734557 Strafsanktionen gegenüber denjenigen, die sie so gern als Kundschaft bezeichnen. Das seien 6000 mehr als im Vorjahr. Bis zu drei Monaten könne die Sperrung der Alimentierung dauern. Das alles wird sprachlich „abgehakt“ in einer Form, die so statistisch anmutet wie die Zahlenspiegel jeden Monat aus Nürnberg. Ja, wir sind nun mal seit Jahrzehnten daran gewöhnt, dass die Massenarbeitslosigkeit nicht geringer wird. Heute werden doppelt so viele Sanktionen ausgesprochen wie es 1968 Arbeitslose gab, durchschnittlich 323 000 nämlich. Aber darüber schreiben nur wenige, weil das wohl arg peinlich ist.

Beispiel Berlin: Von dort ereilt uns die Nachricht, dass Lebensversicherer nicht mehr genug Geld mit dem Geld derer verdienen, die sich versichern. Zinsen zu niedrig, lohnt nicht mehr, lebensversichernd anzulegen. Kommen demnächst noch die Meldungen, dass Krankenversicherungen nur noch dazu genutzt werden, das Gesundheitssystem zu bezahlen, die medizinischen Leistungen aber komplett von den Versicherten bezahlt werden müssen? Lesen wir vielleicht auch irgendwann darüber, dass Banken Geld dafür nehmen werden, wenn Sparer ihnen das ihre anvertrauen, weil es Zinsen im Minusbereich gibt? Vielleicht klingt das dann ebenso alltäglich wie so vieles, was vor Jahren und Jahrzehnten noch völlig undenkbar und überraschend gewesen wäre.

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