Dann fang’ doch mal an, mit mir über Rio Reiser zu streiten, Wilhelm Hochgräber

Angelegen der Tatsache, dass ich meiner inzwischen ungemein voluminösen Sammlung von Leserbriefen, die im Sinne des jeweiligen Autors besser weder veröffentlicht noch erst geschrieben worden wären, wieder mal ein Highlight hinzu fügen musste, will in mal einen Post wiederholen, der zu diesem Thema passt. Da fiel mir ins Auge, dass mein alter Bekannter Wilhelm Hochgräber die letzte verbliebene Heimatzeitung mit seinen Gedanken zu Rio Reiser veredelte. “Rio Reiser verdient keine Ehrung” stellt er ebenso kategorisch wie anmaßend zwischenüberschriftend fest. Dazu wäre vieles zu sagen, aber ich belasse es mal bei dem, was ich fast auf den Tag genau vor drei Jahren schrieb und enthalte mich mal der Exegese autobiografischer Texte oder Fallbeilbeurteilungen in einer Rückschau. Es ist dem, was ich 2013 schrieb, nichts – und schon gar nichts Negatives hinzu zu fügen:

Zum Platz der Kulturen hinter der Backsteinfassade des Kulturzentrums Lindenbrauerei führt ein Weg, er heißt “Rio Reiser-Weg”, benannt nach dem legendären Frontmann der ebenso legendären Gruppe “Ton, Steine, Scherben”, zeitweise gemanagt von Claudia Roth, die seit langem den Bundes-Grünen wortgewaltig Wege weist.

Rio Reiser hieß bürgerlich Ralph Möbius. Er hatte einen Bruder mit Namen Gert und einen, den die Unnaer gut kennen, der heißt Peter Möbius und blieb einst durch das Langzeitengagement des “Hoffmanns Comic Teater” bei unserer Stadt, blieb bei ihr, ihr liebend-kritisch verbunden. Damals, in den 1980-er Jahren, trieb es auch Rio Reiser hier her, und er machte Musiken für unvergessliche Projekte in Unna. Und manche in unserer Stadt blieben dem unvergleichlichen Musiker und Propagandisten der linken Bewegungen Deutschlands liebend-kritisch verbunden.

Rio wählte seinen Künstler-Nachnamen mit Bedacht: Er zog nicht von ungefähr die Romanfigur Anton Reiser herbei, die Karl-Philipp Moritz in seinem – wenn man so will “Lebenswerk” – zwischen 1785 und 1786 in drei Teilen in Berlin veröffentlichte. Anton war in diesem “psychologischen Roman” der Spross einer kleinbürgerlichen Familie, der hoch begabt nach Anerkennung und fortschrittlichen Wegen für sich und seine Zukunft strebte, der engen Grenzen einer pietistischen Umgebung entweichen wollte, der aus dieser Umgebung zum Rebellen geradezu geboren wurde und Erfolg ebenso aus der Kraft schöpfte, die ihn rebellieren ließ wie individuelles Scheitern ertragen musste, weil diese Umgebung bisweilen zu stark für ihn war.

Rio Reiser gehörte zu den handverlesenen Intellektuellen seiner Zeit, die Karl-Philipp Moritz und seinen Gedanken zu dessen Epoche und deren besonderen Zwängen lesend näher getreten war. “Rebell” das ist die treffende Bezeichnung für ihn, abseits von den Floskeln, die ihn gern mal in die Nähe von Gewalt und revoluzzerndem Habitus stellen, und das bis auf den Tag. Ja, er konnte in seinen Texten und in seinem realen Leben auch mal um sich rüpeln, richtig. Aber ihn auf solche Einzelfälle zu reduzieren, wird ihm ebenso wenig gerecht, wie ihn auf die Textzeile “… macht kaputt, was euch kaputt macht …” einzudampfen, oder sein Lebenswerk als Rio, den König von Deutschland in Erinnerung zu bewahren.

Und die Deutsch-Rock-Band, deren Frontman er war, “Ton, Steine, Scherben”, in der Exegese ihres Namens in die Nähe von Trümmern, die nach einem revolutionären Akt angeblich übrig bleiben zu rücken, ist auch völlig blödsinnig. Eine Herkunftsanalyse besagt, dass Heinrich Schliemann beim Ausheben von Troja Pate stand (“Was ich fand, waren nur Ton, Steine Scherben.”) Eine andere entlehnt den Bandnamen einer alternativen Antwort auf die damalige IG Bau, Steine, Erden, was auch recht wahrscheinlich klingt.

Nun balgen sich völlig unterschiedliche Unterströmungen seit langem darum, ob Rio eine nennenswerte Bedeutung für die bundesdeutsche Nachkriegskultur hatte oder ob er wohl eher doch nicht oder sogar eher schädlich für sie gewesen sein könnte. Sagen wir es so, das schädlichste für die bundesdeutsche Nachkriegskultur war stets die reichsdeutsche Vorkriegskultur (so um die 12 Jahre während) und deren Nachbeben, die bis heute ihre Ausschläge auf einer nach oben hin offenen Richter-Skala hinterlassen. Und die kamen noch nie von einer politischen Linken, auch wenn ein Teil von dieser sich gern mal so bezeichnete, es aber nie so wirklich war. Die seismischen Quellen waren woanders zu verorten. Und daher meine, wenn auch sehr persönliche Einschätzung: Rio Reiser war nicht nur wesentlicher Teil eines kulturellen und gesellschaftlichen Fortschritts, er war nicht nur ein bedeutender Faktor in der modernen deutschen Musik, er war nicht nur ein kluger und facettenreicher Poet, Künstler, Sänger – Rio Reiser war in Europa so etwas wie der Bob Dylan einer Generation, die für sich Hirnselbsständigkeit erzwang, wenn versucht wurde, ihnen diese zu verweigern. Und das ist mehr als mancher Denker, mancher Dichter und fast alle Lenker dieses Landes in der Vergangenheit zu Wege brachten.

So: Und aus diesen und manch’ anderen, die ich hier aus zeitlichen Gründen nicht ausbreiten kann, halte ich es für zierend, dass unsere Stadt einen kurzen Weg zwischen der Massener Straße und dem Platz mit dem bezeichnenden Namen “der Kulturen” nach Rio Reiser benannt hat. Denn er zog seine Spuren im besten Sinne auch durch Unna und wurde nie vergessen. Und das soll bittesehr auch so bleiben.

Ein Foto von 1981. Es zeigt das Hoffmanns Comic Teater mit Wolfgang Bär, Peter Möbius, Uta Rothermund, Rio Reiser,Claudia Roth, Rainer Pause, Martin Hartmann, Andy Koch, ein Foto von 1981. Es zeigt das Hoffmanns Comic Theater mit Wolfgang Bear, Peter Möbius, Uta Rothermund, Rio Reiser,Claudia Roth, Rainer Pause, Martin Hartmann, Andy Koch, Gerd Möbius. (Foto: privat)

Ein Foto von 1981. Es zeigt das Hoffmanns Comic Teater mit Peter Möbius (oben ganz links), Uta Rothermund, Rio Reiser (oben neben seinem Bruder Peter), Claudia Roth, Rainer Pause, Martin Hartmann, Andy Koch und Gert Möbius. (Foto: privat)

2 comments for “Dann fang’ doch mal an, mit mir über Rio Reiser zu streiten, Wilhelm Hochgräber

  1. Klaus Koppenberg
    26. August 2013 at 23:23

    Wenn heute Transparenz und Aufklärung zur demokratischen Kultur gehört, so wurden Menschen, die dies Ende der 60er Jahre einforderten als „Nestbeschmutzer“ bezeichnet und diskriminiert. Die Demokratie in unserem Land war noch auf dem Weg eine politische Streitkultur zu entwickeln, die die gesellschaftlichen Spannungen möglichst gewaltfrei austrägt. Rio Reiser war alles andere als ein Brandbeschleuniger des politischen Terrorismus. Die gewaltauslösende Spannung war Ende der 60er bereits vorhanden. Die Musik der Band „Ton Steine Scherben“ hat einem Lebensgefühl Ausdruck verliehen. Damit wurde in einem viel bedeutenderem Maße Gewalt mit künstlerischen Mitteln kanalisiert und verhindert, als das sie durch die Musik und ihre Texte ausgelöst und gefördert wurde. Die Verbindung zwischen der 68er Bewegung und dem Terrorismus lässt sich aber trotzdem herstellen. Die Frage die hinter dem Für und Wider der hier diskutierten Ehrung liegt, ist die nach dem Umgang mit den Opfern des Terrorismus und ihren Angehörigen. Bis heute fehlt die Offenlegung der Hintergründe durch die damaligen Täter. Solange wie das nicht geschehen ist und wir alle gemeinsam dies nicht als die vordringliche Aufgabe im gesellschaftlichen Diskus begreifen, sollten wir Diskussionen über Ehrungen zurückstellen.

  2. friedhelm böcker
    26. August 2013 at 23:10

    rudi, es gibt da noch einen anderen, der einen teil der truppe nach unna geholt hat, sie dort betreut hat und meine frau marlis mit zur spieltruppe des ruhraufstandes gehörte. denk mal über den polizeieinatz nach dem auftritt in hemmerde nach. wenn du geschichte erzählen willst, dann aber bitte richtig, oder machst du es wie ” frau roth “, die die tage in dortmund und in unna wie auch ihre damaligen lebensretter vergessen hat?
    dennoch einen freundschaftlichen gruß, doch auch wir beide verbrachten schöne stunden, friedhelm

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