Da stemmt sich ein Phönix energisch aus der Asche: Hörde

Ich stand wieder einmal schier fassungslos vor dem, was vor knapp 40 Jahren mal meine Heimat war: Das soll Hörde sein? Schon als ich aus dem Bahnhof trat, der einst zu den Haltepunkten der Region zählte, die man einfach nicht weiträumig genug umgehen konnte, wenn man bis zum Bahnhof Westfalenhalle wollte, um im Westfalenstadion (man bemerke meine Wortwahl) den Verein siegen zu sehen, von dem man nichts anderes erwarten wollte, wurden meine Augen beinahe liebkost. Der Neubau richtet Hördes beginnende City auf, auch wenn immer noch gebaut wird, immer noch ein Aufzug fehlt und immer noch irgenwo nachgebessert werden muss.

Dann ging ich runter zum Phönixsee, der heute die gewaltige Fläche einnimmt, auf der mein Papa vor 40 Jahren den „nicht schienengebundenen Werksverkehr von Phönix rollen ließ. Vorbei an der früheren Eingangssituation, die zu den schönsten Zeugen der Industriearchitektur weit und breit zählt, das wo ich dann und wann stand, dass ich die Brote zur Arbeit brachte, wenn er sie mal – was selten geschah – vergessen hatte. Papa vergaß nie was.

Eine Mittelstadt arbeitete in den beiden Werksarealen. Die Flammen aus Bessemerbirnen oder Siemens-Martin-Öfen, die Flammen aus den Kokillen oder die Flammen aus den Schornsteinen, durch die Prozessgase abgefackelt wurden, sie erhellten einst weithin sichtbar die Region. „Hier produzieren wir was!“ – das war die Botschaft der industriellen Leuchtzeichen. Und dann war das alles zur Jahrtausendwende einfach ersatzlos weg. Wie geht eine Stadt, die seit ich sie kenne (das ist genau ab 1959) mit Strukturwandeln kämpft, mit einem solchen Verlust um (ingsgesamt rund 60000 Arbeitsplätze). So wie es Dortmund immer tat. Es wurde eine Vision entworfen, es wurde beinahe gigantoman reagiert und es wurde auch tatsächlich umgesetzt. Ich frage ernsthaft, was sind München, oder Stuttgart oder Düsseldorf oder, oder, oder im Vergleich zu Dortmund.

Wuchtig und gebieterisch steht der Komplex nach wie vor bewachend über der Faßstraße, scheinbar Hüter des Eingangs zum See, wo die Sommerhitze mediterranen Flair in die Außengastronomien der Promenade fächelt. Das soll mein Hörde sein?

Hier wurde mal Stahl erzeugt, die Flammen kündeten weithin von Hörder Arbeit. Nun liegt da der See und ich gehe über den Rudolf-Platte-Weg - ja, der war gebürtiger Hörder. (Fotos: Rudi Bernhardt)

Hier wurde mal Stahl erzeugt, die Flammen kündeten weithin von Hörder Arbeit. Nun liegt da der See und ich gehe über den Rudolf-Platte-Weg – ja, der war gebürtiger Hörder. (Fotos: Rudi Bernhardt)

Doch, es war’s. Ich setzte mich einen Moment in die Sonne, genoss ein eiskaltes Weizenbier (was für ein Verbrechen im Gedenken ans Stifts) und sog mir dieses neue, schöne Hörde ein. Und schöner ist es nicht nur dort geworden. Mir gelang noch ein Blick in die Seydlitzstraße, da wo ich früher mal gewohnt hatte – mit meinen Eltern im Haus Nummer 37, ganz oden unter dem Dach. Die ganze Straße ein Prachtstück, in die 37 zog viel später mal Michael Storcks mit Ehefrau Cornelia Prüfer ein. Er war mal Volontär bei den Ruhr Nachrichten, sie später ebenfalls. Er wurde Mediziner, sie Politikerin und ist seit 2011 Gesundheitssenatorin in Hamburg.

Wo Dortmunder Genossen lecker Grillen, da kann eine BVB-Fahne nicht fehlen, auch nicht in Hörde.

Wo Dortmunder Genossen lecker Grillen, da kann eine BVB-Fahne nicht fehlen, auch nicht in Hörde.

Nach einer delikaten Wurst nebst noch delikaterem Kartoffelsalat bei Genossen an der Willem-van-Vloten-Straße (zauberhafter Hinterhof, den man dort nicht vermuten würde) trollte ich mich wieder Richtung Bahnhof. Entlang der U-Bahnstrecke durch den sich aufhübschenden Kern zurück in diese einstige Folterkammer fürs Auge, das die DB recht vortrefflich ersetzt hat. Das war mein Hörde, tolle Leistung, liebe Dortmunder.

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