Wilfried Wittkes Kolumne: Klopps Ball blieb wohltuend flach, Draxlers Rucksack ist ziemlich schwer

von Wilfried Wittke

Es soll Zeitgenossen geben, für die das Leben erst Sinn macht, wenn der Bundesliga-Ball rollt. Ihre dreimonatige Leidenszeit ist seit dem Anpfiff der 51. Saison am vergangenen Wochenende beendet. Und die Profis boten gleich Spektakel. 37 Tore – so viele registrierten die Statistiker seit 20 Jahren nicht mehr – würzten den turbulenten Auftakt-Spieltag. Fußballherz, was willst du mehr?

Man sollte sich davor hüten, zu viel Fundamentales in den ersten Spieltag hineinzuinterpretieren. Und doch lassen sich erste Tendenzen erkennen. Aufsteiger Eintracht Braunschweig, der Werder Bremen nach einer langen Durststrecke mal wieder einen Pflichtspiel-Sieg feiern ließ, wird wie Augsburg, Freiburg, Hoffenheim und eben Werder ums Überleben kämpfen müssen. Eintracht Frankfurt droht nach dem 1:6-Debakel in Berlin und wegen eines hammerharten Auftaktprogramms in eine brandgefährliche Abwärtsspirale zu geraten. Oben zementieren schon die Top-Vereine Bayern, Dortmund und Leverkusen ihre Ansprüche.

Schauen wir auf unsere „westfälischen Eichen“, den BVB und Schalke 04.

Jürgen Klopp hatte im Vorfeld wissen lassen, man wolle natürlich gewinnen, aber es sei „doof, wenn wir schon in Augsburg unsere beste Leistung abrufen würden“. Seine Spieler sollten im Herbst, wenn es Schlag auf Schlag geht in Meisterschaft, Champions League und DFB-Pokal, „voll im Saft“ stehen. Sie erfüllten den Auftrag mit einem klaren 4:0-Sieg und einer Gesamtleistung, die spielerisch und taktisch deutlich ausbaufähig ist.

Kein zweiter Odonkor

Dazu lenkte der Auftritt eines Neuen vom fehlerhaften Verhalten der „Alten“ ab. Wer in Neuzugang Pierre-Emerick Aubameyang nach den Testspielen einen zweiten David Odonkor erkannt haben wollte, musste sich eines Besseren belehren lassen. Der junge Mann aus Gabun wirkt im Antritt nicht nur einen Tick schneller als der vergessene WM-Held von 2006. Er weiß – im Gegensatz zu Odonkor – auch sehr wohl, dass das Runde ins Eckige muss. Vier Chancen, drei Treffer, das nennt man wohl einen Einstand nach Maß. Ob sich Aubameyang aber wirklich zu einer Tore schießenden „Rakete“ entwickelt, darüber geben erst die nächsten Spiele Aufschluss. Klopp hielt den Ball nach Augsburg jedenfalls wohltuend flach.

Die Spielplangestalter haben es mit dem BVB sehr gut gemeint. Es folgen zwei Heimspiele gegen Braunschweig und Bremen, vor der ersten September-Länderspielpause geht es nach Frankfurt. Und bis dahin sollte auch Henrikh Mkhitaryan, der zweite prominente und teuerste Einkauf der Vereins-Historie, seine ersten Duftmarken gesetzt haben. Borussia – das lässt sich guten Gewissens schon heute prognostizieren – wird wieder eine herausragende Saison spielen.

Mit dem Vergrößerungsglas

Auch Robert Lewandowski, der wegen seiner dummen Aussagen selbst schuld ist, dass nun jede seiner Bewegungen mit dem Vergrößerungsglas beobachtet wird. Läuft er einen Meter weniger als im Vorjahr, geht er noch aggressiv in die Zweikämpfe, hat er die Lust aufs Toreschießen für den BVB verloren? Der Pole hatte in Augsburg spätestens mit seiner genialen Vorarbeit zur 3:0-Führung und seinem Elfmeter-Treffer das Lächeln wiedergefunden. Die Miete für seine neue Wohnung im Dortmunder Osten kann er wohl auch problemlos zahlen, weil ihm Borussias Chefetage eine deutliche Gehaltsaufbesserung zugesichert hat.

Draxlers schwerer Rucksack

Alles gut also bei Schwarz-Gelb. Und bei den Blauen, den Schalker „Knappen“? Sie haben sich in den letzten Wochen stark geredet, sahen sich auf Augenhöhe mit dem westfälischen Rivalen (Sportvorstand Horst Heldt) und sogar als Meisterschaftskandidat (Mittelfeldmann Jermaine Jones). Die Realität hat sie schnell eingeholt. Kapitän Benedikt Höwedes nannte das 3:3 gegen den in den Testspielen erschreckend schwachen Hamburger SV eine „Chaos-Vorstellung“. Weil S04 in der Abwehr kapitale Böcke schoss, einem Panikorchester glich und nach dem verletzungsbedingten Ausscheiden von Julian Draxler lange Zeit jede Struktur im Offensivspiel vermissen ließ. Es kann aber nicht sein, dass das Wohl und Wehe der Mannschaft von einem 19-Jährigen abhängt, dem in den vergangenen Wochen ein Rucksack mit überdimensionierten Erwartungen geschnürt wurde, an dem er ohnehin zu zerbrechen droht. Wie sein Ausraster im Pokalspiel gegen Nördlingen eindrucksvoll belegte.

Schalke muss in der Bundesliga nun erst nach Wolfsburg, dann nach Hannover und erwartet am 31. August Leverkusen. Dazu trifft Königsblau in der Qualifikationsrunde zur Champions League auf das schwer zu bespielende Team von Metalist Charkiw. Schon im August kann sich Schalkes sportliche Zukunft entscheiden. Trainer Jens Keller bleibt nicht viel Zeit, das Spiel mit zwingend notwendigen Korrekturen in die richtige Richtung zu lenken. Sein Kollege Jürgen Klopp befindet sich in einer deutlich komfortableren Situation.

So viele Jahre waren Wilfried Wittke - ja d e r wiwi - und ich Kollegen in einem Hause. Ich liebte es, seine Kommentare und Stories über die Liga zu lesen, ich liebte seine profunde Sachkenntnis über Fußball und seine Vereine im allgemeinen und ich liebte den Umstand, dass er Mitglied desselben Vereins war und ist wie ich. In unser beider Haus - der Westfälischen Rundschau - sind wir beide nicht mehr. Schlimmer noch, aus der Distanz mussten wir zuschauen, wie diese Zeitung gemeuchelt wurde. Dass "wiwi" für meinen Blog eine Kolumne verfasste, macht mich heute richtig stolz. Er war und ist es noch heute mein veritables Idol, wenn es um die sportlichen Seiten des Journalismus geht. Und dass seine Zeilen an dieser Stelle zu lesen sind, ist mit "cool" nur unzureichend beschrieben. (Foto: Eckardt Albrecht)

So viele Jahre waren Wilfried Wittke – ja d e r wiwi – und ich Kollegen in einem Hause. Ich liebte es, seine Kommentare und Stories über die Liga zu lesen, ich liebte seine profunde Sachkenntnis über Fußball und seine Vereine im allgemeinen und ich liebte den Umstand, dass er Mitglied desselben Vereins war und ist wie ich. In unser beider Haus – der Westfälischen Rundschau – sind wir beide nicht mehr. Schlimmer noch, aus der Distanz mussten wir zuschauen, wie diese Zeitung gemeuchelt wurde. Dass „wiwi“ für meinen Blog eine Kolumne verfasste, macht mich heute richtig stolz. Er war und ist es noch heute mein veritables Idol, wenn es um die sportlichen Seiten des Journalismus geht. Und dass seine Zeilen an dieser Stelle zu lesen sind, ist mit „cool“ nur unzureichend beschrieben. (Foto: Eckardt Albrecht)

1 comment for “Wilfried Wittkes Kolumne: Klopps Ball blieb wohltuend flach, Draxlers Rucksack ist ziemlich schwer

  1. Heike Gutzmerow
    12. August 2013 at 23:28

    Gute Zusammenfassung des 1. Spieltag mit dem Blickwinkel auf die westfälischen Eichen. Eine sehr schöne bildhafte Beschreibung und für mich besonders wohltuend keine unnötige Beschäftigung mit der MegaÜberTripleMannschaft dessen Name in meiner Gegenwart nicht mehr genannt werden darf 🙂

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