Joe’s Story (7): Eine Hochzeit, zwei Kinder und ein furchtbarer Schicksalsschlag

Hugh Joseph Amour – sein Bekanntenkreis in Legion, sein Freundeskreis vielköpfig, die Zahl der Namen, welche genutzt werden, ihn zu rufen, ist allerdings überschaubar: Joe, Joseph, manche nutzen auch Dottore oder Geraldo (warum auch immer ausgerechnet der, bleibt ein Rätsel). Den hübschen Vornamen Hugh mag niemand nennen, obwohl sein Träger, der am 10. Oktober 1947 das grelle Licht Zansibars erblickte, auch zu diesem gut passt. Joe ist Vater dreier Kinder (33, 31 und 15 Jahre alt), ist Doktor der Medizin und bereichert mit seiner schlanken Figur und various Basecaps und Hüten seit langer Zeit das Unnaer Stadtbild. Jeden Abend nimmt er bei Valerio Panareo im Alimentari ein Glas Weißwein-Schorle zu sich und lässt im Kreise seiner Freunde den vergangenen Tag noch einmal vorüber ziehen, gern berichtet er, was er daheim anschließend sich noch als Abendmahl zubereiten möchte. Denn Joe spricht gern mit Freunden, erzählt halt einfach gern. In unregelmäßigen Abständen möchten Joe und ich – vor allem aber Joe, da er viel Arbeit mit biografischen Aufzeichnungen hat – seine Geschichte, die Geschichte eines Mannes erzählen, der einem großen Traum hatte, der große Kämpfe focht, dass er diesen Traum einmal verwirklichen konnte. Es ist eine gesamteuropäische, eine gesamtdeutsche und inzwischen eine Unnaer Geschichte, die es lohnt, dass sie aufgeschrieben werde. Sie beginnt in Zansibar, einer schönen Insel vor der ostafrikanischen Küste, die nach Joe’s Geburt mit Tanganjika auf dem Festland zu Tansania vereinigt wurde. Hier begann der Lebensweg, der Joe zunächst in die DDR und später bis zu uns nach Unna führen sollte. Kurz vor der Beendigung seines Studiums tritt in Halle mit Kirsten Schubert jedoch ein besonderer Mensch in sein Leben und gibt diesem neue Wendungen, die allerdings nicht bei jeder und jedem in seiner Umgebung positiv aufgenommen werden:

Ja, das galt vor allem für die Familie meiner späteren Frau. Kirstens Mutter war alles andere als angetan vom immer deutlicher werdenden Umstand, dass ihre Tochter immer enger mit einem ausländischen Studenten verbunden war. Das war sicher einerseits mütterliche Sorge: Wir sie glücklich mit ihm? Wird er auch wirklich zu dieser Verbindung stehen, wenn er die Heimkehr nach Zansibar vor Augen hat? Oder es ihn gar in irgendein kapitalistisch-westliches Land ziehe, gruselige Vorstellung. Werde ich dann die Tochter verlieren? Ebenso spielte da sicher auch die Tatsache mit, dass die Mutter recht ehrgeizig war und auf dem Wege, innerhalb des Systems im Managementbereich zu arbeiten, also insgeheim Furcht vor einem etwaigen Karriereknick hatte. So Tochter und schwarzafrikanischer Student … manches war im Arbeiter- und Bauernstaat doch sehr ähnlich wie im gescholtenen Westen.

Es gestaltete sich also nicht so leicht mit den bürokratischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Mutter mehr als nur skeptisch, Vater eher mal neutral, aber tendenziell zur mütterlichen Skepsis neigend, jede Menge Hürden auf dem Weg in eine staatlich gütig abgenickte Ehe – Belastungen hatte unsere Beziehung in dieser Phase wirklich ausreichend. Aber, wir hielten das aus und so langsam gewöhnte sich auch die Mama daran, dass ihre hartnäckige Tochter nun mal diesen einen Studenten wollte und keinen anderen.

Wir hatten zwar lange noch nicht alle notwendigen Genehmigungen beisammen, dass aus unserer felsenfesten Beziehung eine Ehe hätte werden können, aber gefühlt waren Kirsten und ich ein Ehepaar und zu einem Ehepaar gehörte natürlich auch ein Kind. Auch das bekamen wir, Dennis kam zur Welt und seine Eltern arbeiteten immer noch daran, diesem Staat eine Hochzeitsgenehmigung abzuringen.

Papa, wir lieben dich: Joe mit Dennis und Kevin. Aber von der happy family sind sie weit entfernt. (Foto: privat)

Papa, wir lieben dich: Joe mit Dennis und Kevin. Aber von der happy family sind sie weit entfernt. (Foto: privat)

Aber endlich waren alle Papiere beisammen und wir in jeder Hinsicht überglücklich. Dennis wuchs schon ganz prächtig auf, wir schmiedeten eifrig Pläne, wie es nach der Heirat weitergehen sollte und erfuhren noch vor der Legalisierungszeremonie, dass wir schon wieder Eltern werden würden. Unser zweiter Sohn hatte es eilig, aber wir schafften alles noch vor seiner Geburt. Am 19. Januar 1980 traten wir in dem unscheinbaren Standesamt in der Barbarastraße vor den mit allen notwendigen Rechten ausgestatteten Beamten und hauchten uns gegenseitig ein klar erkennbares Ja-Wort entgegen. Nun waren wir auch vor Honecker und der Partei – im Westen hätten wir vermutlich vor Gott und der Welt gesagt – ein Ehepaar. Mit in Kürze zwei Kindern.

Dass unsere Familienplanung so schnellen Schrittes voranging, diesem Umstand verdankten wir es wohl auch, dass wir sofort in eine Wohnung an der Lenin Allee Nr. 211 einziehen konnten. Heute heißt das Merseburger Straße weil sie eben sehr breit und geradeaus vom Hallenser Hauptbahnhof unter mehrmaliger Namensänderung bis ins benachbarte Merseburg führt. Damals war es aber die Straße, die nach Wladimir Illjitsch Ulanow – Kampfname Lenin – benannt worden war, weil das ja der Gründer des Sowjetstaates war und die Straße so groß, breit und lang, dass sie dessen geschichtlicher Bedeutung auch gerecht wurde.

Uns war das aber recht gleichgültig, wir nahmen eher mal wahr, dass die Fahrbahnen dieser Allee einfach zu ausführlich gestaltet waren, und sich die Trabis fast verloren ausmachten, wenn sie zweitaktend auf ihr nach Nord oder Süd müffelten. Unsere Wohnung hatten wir uns so weit es möglich war heimelig hergerichtet und ich war damit beschäftigt, meine Abschlüsse hinzubekommen. Kirsten kümmerte sich um die Kinder, was wirklich eine harte und aufopferungsvolle Arbeit in dieser Zeit war, denn Dennis war noch klein und Kevin noch kleiner und beide brauchten jede Menge Aufmerksamkeit.

Ich hatte meine Ausbildung zum Facharzt für innere Medizin abgeschlossen und so rückte ein Datum so richtig ultimativ näher: Ich hatte absehbar keine Aufenthaltsgenehmigung mehr für die DDR, weil alle meine Ausbildungsgänge inzwischen beendet waren. Also mussten wir uns organisieren und unser aller Reise nach Zansibar. Gut, für mich war das eine Heimkehr, für Dennis und Kevin ein vollkommen unschuldiges Abenteuer, weil sie weder die Heimat richtig kannten noch Ostafrika, von dem sie nicht einmal wussten, dass es existierte. Aber Kirsten – sie würde ihre Heimat verlassen, sie würde Mutter, Vater und alle verwandtschaftlichen Bindungen hinter sich lassen. Das war ein Schritt, hinter dem sich Trennungsschmerzen verbargen, die in der Folge auch immer mal wieder zum Vorschein kamen.

Unser kompletter Haushalt war mit der Deutrans, einer Speditionsgesellschaft der DDR, auf dem Weg nach Dar-es-Salaam. Vier Flugkarten der Swiss Air hatten wir auch. Eigentlich sollte doch alles klar sein.  Aber so etwas wie Aufbruchstimmung zu neuen Herausforderungen mochte nicht aufkommen. Es waren tiefe Sorgen, die uns Erwachsene umtrieben. Sorgen, die so ernster Natur waren, dass wir kaum die Kraft hatten, unseren Kindern die für sie gewohnten Stimmungen von Zuversicht und vor uns liegendem Glück zu vermitteln.

Es war noch während der Schwangerschaft mit Kevin, als meine Kirsten krank wurde. Grippaler Infekt, eine Diagnose, die niemandem Kummer bereiten hätte. Nur, als nach der akuten Infektion und deren Folgen Kirstens Blutbild gecheckt wurde, ob denn alles wieder in Ordnung sei, da traf uns der Hammerschlag völlig unvorbereitet. Das Blutbild zeigte eindeutig pathologische Veränderungen, Kirsten war sehr ernsthaft krank, denn es wurden alle Anzeichen einer beginneden Leukämie entdeckt. Wir saßen also auf unseren paar gepackten Koffern, aber nicht in der Erwartung, des Neuen, was da wohl auf uns zukommen werde. Vielmehr mit den ständigen Gedanken daran, wie ich dafür sorgen kann, dass meine Frau schnell und vor allem die bestmögliche Therapie erhalten kann. Dass diese in Tansania oder auf der Insel Zansibar nicht zu finden sein werde, darüber war ich mich sicher.

Und dennoch, wir mussten nach Ostafrika, wir hatten keine andere Wahl. Von dort aus würde ich alles daran setzen, schnell zu planen und umzusetzen, damit Kirsten in die medizinische Fürsorge kam, die sie benötigte.

(wird fortgesetzt)

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