Joe’s Story (6): Es war der Plot der „Love Story“ – nur in meiner persönlichen Realität

Hugh Joseph Amour – sein Bekanntenkreis in Legion, sein Freundeskreis vielköpfig, die Zahl der Namen, welche genutzt werden, ihn zu rufen, ist allerdings überschaubar: Joe, Joseph, manche nutzen auch Dottore oder Geraldo (warum auch immer ausgerechnet der, bleibt ein Rätsel). Den hübschen Vornamen Hugh mag niemand nennen, obwohl sein Träger, der am 10. Oktober 1947 das grelle Licht Zansibars erblickte, auch zu diesem gut passt. Joe ist Vater dreier Kinder (33, 31 und 15 Jahre alt), ist Doktor der Medizin und bereichert mit seiner schlanken Figur und various Basecaps und Hüten seit langer Zeit das Unnaer Stadtbild. Jeden Abend nimmt er bei Valerio Panareo im Alimentari ein Glas Weißwein-Schorle zu sich und lässt im Kreise seiner Freunde den vergangenen Tag noch einmal vorüber ziehen, gern berichtet er, was er daheim anschließend sich noch als Abendmahl zubereiten möchte. Denn Joe spricht gern mit Freunden, erzählt halt einfach gern. In unregelmäßigen Abständen möchten Joe und ich – vor allem aber Joe, da er viel Arbeit mit biografischen Aufzeichnungen hat – seine Geschichte, die Geschichte eines Mannes erzählen, der einem großen Traum hatte, der große Kämpfe focht, dass er diesen Traum einmal verwirklichen konnte. Es ist eine gesamteuropäische, eine gesamtdeutsche und inzwischen eine Unnaer Geschichte, die es lohnt, dass sie aufgeschrieben werde. Sie beginnt in Zansibar, einer schönen Insel vor der ostafrikanischen Küste, die nach Joe’s Geburt mit Tanganjika auf dem Festland zu Tansania vereinigt wurde. Hier begann der Lebensweg, der Joe zunächst in die DDR und später bis zu uns nach Unna führen sollte. Kurz vor der Beendigung seines Studiums tritt in Halle mit Kirsten Schubert jedoch ein besonderer Mensch in sein Leben und gibt diesem neue Wendungen:

Es war so ein Jahr vor meinem erfolgreichen Abschluss muss es wohl gewesen sein. Ich hatte morgens nach dem Frühstück beschlossen, dass etwas für mich und meine Gesundheit tun müsse. Zwar drehten sich meine Studien ausschließlich darum, mich darin fit zu machen, später einmal Mitmenschen gute Ratschläge geben zu können wie sie gesund zu leben haben und sie zu kurieren, wenn sie da was vernachlässigt hatten, aber ich machte das jetzt schon seit Jahren in einer Weise, dass ich meine eigene körperliche Fitness hintan stellte. Geht gar nicht, kam es mir an diesem Morgen in den Sinn. Daher fasste ich energisch einen Entschluss und brach sofort nach dem Frühstück auf, dass dieser in die Tat umgesetzt werde.

Kirsten Schubert (links mit Sohn Dennis) - Joe's große Liebe, die er im SPortgeschäft an der Große Ulrichstraße kennenlernte. (Foto: privat)

Kirsten Schubert (links mit Sohn Dennis) – Joe’s große Liebe, die er im SPortgeschäft an der Große Ulrichstraße kennenlernte. (Foto: privat)

Ich erinnerte mich, dass es an der Große Ulrichstraße ein Sportgeschäft gab. Damals war diese Straße nicht so prachtvoll wie heute, wunderbar restauriert und lebendige Einkaufsmeile. Aber der großartige Kopfbau genau da wo Große und Kleine Ulrichstraße vom Moritzburgring abgehen stand wie sein eigenes – wenn auch leicht hinfällig wirkendes – Denkmal da und schien tapfer jeder Anfeindung des Sozialismus nach Honecker’schem Verständnis zu trotzen. Erbaut wurde er 1897/ 98 von den halleschen Architekten Reinhold Knoch und Friedrich Kallmeyer, zeigt opulenten Bauschmuck von den Bildhauern Otto Schnartz und Fritz Maenicke sowie feine Mosaiken mit Schwanenmotiven in den Giebelfeldern von Hans Karl Seliger. Ein Traum von Jugendstilarchitektur, der selbst mir Fremdling wohltuend ins Auge fiel und aus dem grauen Innenstadteinerlei trotzig herausragte: Ich bin, ich bleibe und werde irgendwann kommen. Das sollte 1993 dann auch genau so geschehen, das Bauwerk wurde saniert und ist bis heute  stadtbildprägend.

Aber so richtig interessierte mich das an diesem Tag nicht. Ich wollte nur flott ins Sportgeschäft, dass ich mir Klamotten und gescheite Schuhe besorge, bevor mich meine grundständige gelassene Lebensart wieder einholt und ich den Sport vergesse. Ich ahnte allerdings nicht, dass ich genau das tun würde und genau in diesem Sportgeschäft, aber aus anderen Gründen. Es war alles andere als Gelassenheit, die alle meine guten Vorsätze vertreiben sollten.

Ich betrat den Laden, denn sozialistische Aufgeräumtheit und sein zurückhaltendes Warenangebot zumindest eines bewirkten. Die junge Frau, die mich drinnen fragend anschaute fing meine Blicke ein und ließ sie nicht mehr los. Ablenkung vom Ziel meines Besuches fand nicht mehr statt, Laufschuhe oder Trainingsklamotten mutierten zur Kulisse eines Ereignisses, von dem ich schon öfter gehört, gelesen oder erzählt bekommen hatte: Das war also doch keine zuckersüße Fantasie, das gab es tatsächlich. Blitzschlag, Donner, vorübergehender Verlust der Muttersprache und der deutschen sowieso. Schön war sie, jung, zeigte ein einnehmendes Lächeln und ihre Augen strahlten mich an, eingerahmt von einer wunderbar krausen Frisur, die sie sich aus den langen, dunklen Haaren hergerichtet hatte. So war das also mit der Liebe auf den ersten Blick.

Nachdem ich sie mit einem vermutlich leicht debilen Gesichtsausdruck angestaunt hatte, entschloss mich denn doch, mein Anliegen, an das ich noch dunkle Erinnerungen  hatte, heraus zu stottern. Stammelte was von Laufen, Schuhen und kurzen Hosen und dachte bei mir: „Was redest du denn da bloß für einen Quatsch, zeig ihr lieber, dass du Prince Charming sein kannst.“ Zaghaft machten wir uns bekannt, ich versuchte bedeutungsvoll meinen Namen und meine Herkunft und das, was ich in Halle so mache zu erläutern. Sie – Kirsten Schubert heiße sie – beeilte sich zu erklären, dass sie diesen Verkäuferinnenjob nur ausübe, weil sie gerade das Abitur gemacht habe und nun auf einen Studienplatz an der Merseburger Technischen Universität warte.

Gut, dass wir das geklärt hatten. Nun nahm ich innerlich gehörig Anlauf und legte mir meine folgenden Sätze schon mal innerlich zurecht, dass sie gleich darauf verletzungsfrei über meine Lippen gelangten. Bei meinem Wunsch, mit ausreichender Souveränität eine Verabredung für den Abend (der war nicht mehr allzu weit entfernt, weil zu DDR-Zeiten der Arbeitstag früh begann und früh endete, damit man sich noch bequem zum Einkauf anstellen konnte) als Wollen-wir-Frage zusammenzustellen, musste ich vorbereitende Disziplin an den Tag legen, denn die Nervosität war so ziemlich am Siedepunkt.

Ich kannte das „Panorama“, eine gastliche Stätte in der Nähe und schlug sie als Treffpunkt vor für nachher, wenn sie keine Sportklamotten mehr verlaufen müsse und ich keine mehr erwerben. Überraschenderweise sagte sie ziemlich schnell zu, lieferte mir nicht einmal ein kokettes Zögern, dass ich zu keiner Sekunde das Gefühl hatte, hier könnte mir ein Glas aus der Hand gleiten, das ich noch gar nicht angetrunken hatte.

Wir trafen uns im „Panorama“ und verschwatzten den gesamten Abend. Kannten zum Ende der begrenzten Ausschankzeit ziemlich viele Details voneinander und stotterten beide nicht mehr, wenn wir etwas von uns preisgeben wollten. Ich hatte mal gelesen, dass in Deutschland in solchen Fällen der Himmel voller Geigen hängen soll – bildhaft gesprochen natürlich. Um uns herum hatte sich nach meinem Gefühl eher mal Kurt Masur mit dem Leipziger Gewandhausorchester versammelt und und ließ Richard Strauss‘ seinen „Zarathustra“ ertönen.

Ja, wir haben uns auch geküsst, ja, wir haben begonnen unser beider Hände zu halten, ja der Abend hatte auch eine Nacht. Und ja, ich werde davon niemandem erzählen, auch hier nicht, denn es gibt nun mal Dinge, die bleiben unter uns, unter Kirsten und mir. Aber es bleibt noch genug zu erzählen, und das wird beim nächsten Mal geschehen.

(wird fortgesetzt)

 

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