Joe’s Story (3): Turbulentes Flughafen-Hopping in eine neue, ziemlich kalte Welt

Hugh Joseph Amour – sein Bekanntenkreis in Legion, sein Freundeskreis vielköpfig, die Zahl der Namen, welche genutzt werden, ihn zu rufen, ist allerdings überschaubar: Joe, Joseph, manche nutzen auch Dottore oder Geraldo (warum auch immer ausgerechnet der, bleibt ein Rätsel). Den hübschen Vornamen Hugh mag niemand nennen, obwohl sein Träger, der am 10. Oktober 1947 das grelle Licht Zansibars erblickte, auch zu diesem gut passt. Joe ist Vater dreier Kinder (33, 31 und 15 Jahre alt), ist Doktor der Medizin und bereichert mit seiner schlanken Figur und various Basecaps und Hüten seit langer Zeit das Unnaer Stadtbild. Jeden Abend nimmt er bei Valerio Panareo im Alimentari ein Glas Weißwein-Schorle zu sich und lässt im Kreise seiner Freunde den vergangenen Tag noch einmal vorüber ziehen, gern berichtet er, was er daheim anschließend sich noch als Abendmahl zubereiten möchte. Denn Joe sprciht gern mit Freunden, erzählt halt einfach gern. In unregelmäßigen Abständen möchten Joe und ich – vor allem aber Joe, da er viel Arbeit mit biografischen Aufzeichnungen hat – seine Geschichte die Geschichte eines Mannes erzählen der einem großen Traum hatte, der große Kämpfe focht, dass er diesen Traum einmal verwirklichen konnte. Es ist eine gesamteuropäische, eine gesamtdeutsche und inzwischen eine Unnaer Geschichte, die es lohnt, dass sie aufgeschrieben werde. Aber, sie beginnt in Zansibar, einer schönen Insel vor der ostafrikanischen Küste, die nach Joe’s Geburt mit Tanganjika auf dem Festland zu Tansania vereinigt wurde. Hier begann der Lebensweg, der Joe bis zu uns nach Unna führen sollte. Und wie, wann und mit wem er seine Geburtsheimat verlies, davon erzählt er heute:

Sonntag, 22. Oktober 1968, das war der Tag, an dem ich mit vier anderen Zansibari (das waren Abdulwakil Idris, Ahmed Hji Saadat, Nyanga Othman und Nassor Khamis Juma) unsere Insel verließ, wir bestiegen tatsächlich eine Maschine, ich erinnere mich nicht mehr welchen Fabrikats, die uns und viele andere aus völlig unterschiedlichen Gründen außer Landes bringen sollte. Ich war mega nervös, nach Berlin sollte es gehen, in eine zwar ungewisse, aber in meiner Vorstellung ebenso abenteuerliche wie mit persönlichen Hoffnungen fast überladene Zukunft. Wie es da wohl aussehen mochte, welche Chancen sich mir da wohl bieten würden, wie ich wohl aufgenommen würde, ja wie das Wetter wohl auf mich wirken würde. Schließlich hatten wir kalendarisch so etwas wie Herbst und in mittleren Europa konnte der – wie mir gesagt worden war – schon mal ungemütlich ausfallen.

Allerdings waren weder ich noch meine mitreisenden Landsleute bereits in der Situation, an tristes Herbstwetter in Deutschland auch nur zu denken, denn mit unserer Maschine kamen wir erstmal nur bis Dar-es-Salaam, dem „Hafen des Friedens“, der größten Stadt Tanzanias, auf dem Festland gelegen. So was gewaltiges hatten wir noch nicht gesehen, tief beeindruckt  bestaunten wir unseren Weg vom Flughafen zum Hotel Luxus Kilimanjaro – wow.

Nun war ich zwar immer noch in Tanzania und somit weit weg von Deutschland, aber immerhin hatte ich schon mal Boden  unter Füßen, der deutsche Tradition trug. Denn 1888 verpachtete ein gewisser Sultan Sayyid Khalîfa die spätere Hauptstadt unseres Landes  zusammen mit der gesamten Küste  Tanzanias an die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft, später verkaufte er beides. Dar-es-Salaam war wegen seines Naturhafens für die Deutschen höchst interessant. Es wurde bald Sitz der Kolonialverwaltung von Deutsch-Ostafrika . Im modernsten biologisch-landwirtschaftlichen Institut arbeitete unter anderen Anfang des 20. Jahrhunderts der bekannte Virologe Robert Koch. Deutsche Geschichte, deutscher Mediziner, das waren doch mal Zeichen.

Allerdings, schon um 20 Uhr am Abend waren wir schon wieder in Luft – jetzt aber, ab nach Berlin. Irrtum, nun ging es nach Cairo. Auch schön, auch noch größer als Dar-es-Salaam, aber weniger mit deutscher Geschichte beladen. Das einzige, wovon ich mal gehört hatte, dass die Menschen in Kairo während des 2. Weltkrieges ernsthaft fürchteten, Erwin Rommel könnte sie erobern, was ja wie wir wissen von Bernard Montgomery bei der zweiten Schlacht von El Alamein verhindert wurde, weil er das deutsche Corps kräftig versohlte.

Einen Gewinn meinten wir allerdings aus Cairo mitzunehmen. Wir lernten einen älteren tanzanischen Landsmann kennen, der nicht nur perfekt die deutsche Sprache beherrschte, sondern zudem vieles von Land und Leuten zu erzählen wusste. Gespannt hörten wir ihm zu und freuten uns wahnsinnig, als wir feststellten, mit der selben Maschine weiter zu fliegen, mit einer Propeller getriebenen (vermutlich Tupolew) der russischen Interflug … aber auch nicht nach Berlin, aber schon richtig weiter nördlich bis Jugoslawien.

Unser neuer Freund hatte seine Freude an uns, und er erzählte und erzählte und erzählte … und trank und trank und trank. Interflug war damals bekannt, sehr luxuriös und freigiebig zu fliegen, das nutzt der redselige Landsmann trefflich aus, weil alles ja nichts kostete. Die Folge trat schon bald ein, seine Zunge wurde schwerer und schwerer, seine Gedanken unklar bis wirr und seine Sprache fiel ständig ins Deutsche, weil die mit fliegenden Germanen ja schließlich mithören sollten, was er von sich gab. Und so kam es, wie es wohl kommen muss, wenn man die menschliche Zunge so weit lockert, dass sie nicht mehr zu beherrschen ist. Erst prügelte er auf uns verbal ein, dann auf die Deutschen, dann die Deutschen auf uns alle, weil wir ja mit unserer stark pigmentierten Hautfarbe in deren Augen zueinander gehören mussten. Es war ein abwechslungsreicher Flug.

Den setzten wir mit unserem trunkenen Landsmann dann auch von Jugoslawien in Richtung Berlin fort und wir grübelten, was wohl der Anlass für das Gezeter war, kamen aber zu keinem Schluss, weil wir ja auch kein Wort von dem verstanden, was er in Deutsch gelallt hatte und diejenigen in Aufregung versetzte, die einigermaßen verstanden, was da über seine Kilo schwere Zunge kam. Und während wir noch grübelten, erreichten wir um 4 Uhr morgens Berlin. Ja, wir hatten es geschafft, die Räder der Tupolew radierten quietschend über den Boden des gelobten Landes. Das Abenteuer konnte beginnen.

Auch in späterer Zeit trafen wir unseren durstigen Landsmann wieder. Und wieder und wieder wiederholte sich in anderer Zusammensetzung und aus anderen Anlässen die Szenerie des legendären Fluges. Offenbar gab es Korrelationen zwischen seiner Agressivität und dem Alkoholkonsum. Denn wir hatten so langsam aber sicher, später mit besseren Deutschkenntnissen, mehr und mehr Verständnis für diejenigen, die sich seine Ausbrüche nicht unverteidigt gefallen lassen wollten.

Berlin-Schönefeld, noch duster und abweisend weil herbstlich und schwach beleuchtet um diese Zeit. Ein Herr Bruno, einer von vielen Lehrern am Herder Institut in Leipzig, wartet bereits auf uns, stellte sich artig vor und versuchte uns in einer Sprache, die er offenbar für Englisch hielt, den Weg zum richtigen Bahnhof zu beschreiben. Das gelang irgendwie, Herrn Brunos britischer Stammelei zum Trotz. Frierend, übermüdet, das deutsche Klima verfluchend schleppten wir uns und unser Gepäck zum Bahnhof, enterten einen Zug, den wir für den richtigen hielten (war er auch) und ratterten Richtung Leipzig. An Schlaf war nicht zu denken, dazu waren wir zu aufgeregt und hatten zudem eine höllische Angst davor, den Leipziger Bahnhof zu verpassen und dann irgendwo zu landen, wo wir vollends die Orientierung verlören.

So was gegen 11 Uhr kamen wir in der Stadt an, im größten Kopfbahnhof Europas, in der Stadt, die das älteste Straßenbahnnetz Europas ihr Eigen nannte, in der Stadt, wo man gern Gose statt Pilsbier trank, in der Stadt, die Goethe zum „Faust“ inspirierte, deren Universität zur Landeselite in der DDR ausbildete. Hier sollten nun unsere nächsten Monate am Herder Institut uns allen die deutsche Sprache nahe bringen, dass wir das Handwerkszeug für erfolgreiche Studien erhielten. Allerdings ließen wir uns erst einmal von einem Taxi in die August-Bebel-Straße 24 bringen, wo wir in einem großen Zimmer untergebracht wurden, keinen Gedanken mehr daran verschwendeten, wer dieser August Bebel wohl gewesen sein mag und in einem komatösen Tiefschlaf fielen.

Glückliche Tage in der DDR: Joe mit Freund und Ehefrau Kirsten enspannen in der Holywood-Schaukel. (Foto: Privat)

Glückliche Tage in der DDR: Joe mit Freund und Ehefrau Kirsten enspannen in der Hollywood-Schaukel. (Foto: Privat)

(wird fortgesetzt)

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