Peter Merseburger über „Papa“ Heuss: Bürger mit Behäbigkeit

Möchte man in diesen Tagen wirklich ein Buch über einen FDP-Politiker lesen? Oder ist der Liberalismus nicht derartig wirtschaftsliberal dominiert, dass man am besten die Finger davon lässt? Selbst wer diese Frage für sich mit einem eindeutigen Ja beantwortet und sich dann darüber hinwegsetzt, wird an der Theodor-Heuss-Biographie von Peter Merseburger seinen intellektuellen Gewinn haben. Den Autor mit dem kantigen Gesicht kennen die Älteren unter uns aus alten Fernsehzeiten. Er moderierte das kritische Fernsehmagazin „Panorama“ und ist in den letzten Jahren sehr erfolgreich als politischer Biograph tätig.

Eine Biografie - auch einer Jugend unserer Republik. Peter Merseburger schreibt über Theodor Heuss.

Eine Biografie – auch einer Jugend unserer Republik. Peter Merseburger schreibt über Theodor Heuss.

Theodor Heuss, geboren 1884 in der Nähe von Heilbronn, hat in der Weimarer Republik als Journalist gearbeitet. Vorher war er Mitarbeiter von Friedrich Naumann, einem liberalen Politiker, der den freiheitlichen Denkansatz mit Nationalismus und Militarismus unterfütterte, der sowohl Flottenprogramm als auch die Kolonialisierung förderte. Das bestimmte Heuss‘ Denken: Demokratie hat für ihn immer einen nationalen Rahmen. In der Weimarer Zeit ist Heuss ein wortgewandter Verteidiger des Parlamentarismus und wird Mitglied des Reichstages. Seine Ehe mit Elly Heus-Knapp ist emanzipiert: Sie wird eine bekannte Bildungspolitikerin. Als Abgeordneter der Deutschen Staatspartei stimmt Heuss dann aus Parteiraison dem Ermächtigungsgesetz zu – ein Fehler, der ihm sein Leben lang vorgehalten wird und für den er eine folgerichtige Erklärung nie finden konnte. Denn an die Eindämmung Hitlers durch Zustimmung haben andere Gegner des Nationalsozialismus nie geglaubt. Die faschistische Diktatur erlebt Heuss in der inneren Emigration, Biografien bekannter Persönlichkeiten schreibend. Als Liberaler ist er nach dem Krieg bei der Abfassung des Grundgesetzes dabei. Ab 1948 wird Theodor Heuss Vorsitzender der neu gegründeten FDP und dann von 1949 bis 1959 der erste Bundespräsident, bevor er 1963 stirbt.

Was kann heute noch an Heuss interessieren? Es ist sein literarisch-historische fundiertes Eintreten für das demokratische Projekt Bundesrepublik, das nicht parteipolitisch motiviert ist sondern verwurzelt in einem Liberalismus mit philosophischen Qualitäten. Liest und hört man die Reden von Theodor Heuss, z. B. anlässlich des 150. Todestages von Friedrich Schiller

– ein Tondokument auf http://www.mediaculture-online.de/fileadmin/mp3s/heuss_schiller.mp3

so muss konstatiert werden: Bei einem Großteil des heutigen FDP-Personals handelt es sich (verglichen mit Heuss) dagegen um Sprösslinge einer intellektuellen Zwergenkultur. Aber auch in anderen Parteien ist dieser bürgerliche Bildungsanspruch in dieser Ausprägung heute nicht mehr gefragt. Heuss‘ Stammplatz ist der Schreibtisch und nicht die Lobby, er verfasst seine Reden selber – Redenschreiber, die aufs politische Kalkül setzen braucht er nicht. Zeitlebens verfasst er Bücher oder betätigt sich als Herausgeber.

Ein politisches Vorbild also? Keineswegs, der erste Bundespräsident bleibt geprägt vom Militarismus – Wehrdienstverweigerung lehnt er ab und die Anti-Atomtod-Bewegung nennt er „primitiv“. „Papa Heuss“ drückt eben auch eine Behäbigkeit aus, die die 68er wütend gemacht hat.

Peter Merseburger beschreibt Heuss mit kritischer Sympathie; auch für ihn ist der „Bürger als Präsident“ heute nicht mehr gefragt. Was aber der Ersatz dafür sein könnte, diese Frage führt uns nach wie vor in die Ratlosigkeit.

Manfred Hartmann

Peter Merseburger: Theodor Heuss. Der Bürger als Präsident. Biographie. – München, 2012 
ISBN 9-78342104481-5. 29,99 Euro

Auszuleihen in der Bibliothek im zib und zu kaufen in der Buchhandlung Hornung.

zuerst erschienen bei: gruene-unna.de/lesetipps

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