Was machen …? Ferien in Greetsiel, wo Ellen und Konrad emsig alte Häuser sanieren und erhalten

Es war der 2. Januar 1977. Ich gestehe, dass ich ein wenig verschüchtert und befangen die Stiege des Wohnhauses am Alten Markt (heute ist da die Brasserie Sahi im Parterre, damals war es eine Versicherungsagentur) erklomm. Noch ein paar Treppenstufen und ich würde mein neues Betätigungsfeld betreten, die Unnaer Lokalredaktion der Westfälischen Rundschau, die für viele Jahre meine berufliche und später meine ganz private Heimat werden sollte.

Der Chef dieser Etage mitsamt der darin Beschäftigten war Konrad Harmelink, ein recht großer Mann, vollen aber schon früh ergrauenden Haares (der Schnauzbart hatte ebenfalls die Grundierung des Schopfes), der ein kleines (wohlgemerkt kleines) Bäuchlein (das es heute nicht mehr gibt, weil Konrad bei seiner Nordwanderung 20 Kilo abgenommen hat) vor sich her trug und stets eine geschwungene Tabakspfeife der Firma Stanwell (dänisch, in meinem Geburtsjahr 1948 gegründet) paffte, die er mit holzschnittartiger, mich geradezu erschütternder Handwerklichkeit pflegte. Beispiel: Den Cake (schwarze Randerscheinung karbonisierten Teers in Inneren des Kopfes) pflegte er mit der scharfen Seite seiner Büroschere zu entsorgen – gruselig. „Willkommen“, grüßte er damals vornehm, stellte mich der Redaktion vor, während ich stammelte: „Bin der Neue!“ Und dann raunte er fast stolz: „Hier sind Sie in der einzigen Kneipe Unnas, in der auch eine Zeitung entsteht!“ Ja, so was konnte man damals noch völlig ungestraft sagen, unser oberster Chef Günter Hammer, wenn er anreiste, fragte auch gern, ob wir denn was hätten, wenn er nicht selbst fahren musste. Und niemand störte sich daran, dass Konrad seine Pfeife zur Kopfglut sog oder meine Kollegen und ich täglich den Versuch unternahmen, bläuliche Nebelschwaden um die Tastaturen unserer mechanischen Schreibmaschinen zu pusten.

Es war der zu diesem Zeitpunkt von niemandem erahnte Beginn einer nachhaltigen Freundschaft, die sich gelegentlich mal eintrübte, die nie ohne Dissonanzen blieb, die auch nicht dann und wann ohne den herzhaften Austausch böser Vokabeln auskam, die aber in gewisser Weise stets Nabelschnurverbindung hielt, auch wenn die Wege der je individuellen Lebensgestaltung dafür sorgten, dass man auch geografisch auseinander driftete.

Aber vielleicht erzähle ich euch die ganze Geschichte einmal, auch so als Versuch eines Fortsetzungsromanes, natürlich nur wenn ihr wollt. Könnt das ja gern als Kommentar zu mir schreiben und wenn ich euch mit so was auf den Keks gehen sollte, dann lasse ich das.

Zurück zu heute: Konrad, der noch zu unserer gemeinsamen Zeit in Unna Ellen kennen lernte, lieben lernte (bis heute) und sich selbst und sie beruflich nach Dortmund umpflanzte, ist längst in Rente. Heute sieht er für sich und Ellen und seine Tiere (oder ihre) die gemeinsame Heimat in Greetsiel, Ostfriesland. Unterhalb von Norden, oberhalb von Emden, gegenüber von Borkum in der Krummhörn. Das ist eine wirklich traumschöne Ecke, die sich die beiden alten (ich meine das nur im Sinne von ehemalig) Rundschauer ausgesucht haben. Und in diesem pittoresken Örtchen hat Konrad gemeinsam mit Ellen sofort angefangen denkmalpflegenden Wiederaufbau zu beginnen. Nicht etwa, dass da alles am Boden lag, aber den beiden fielen Objekte ins Auge, von denen sie überzeugt waren, dass ihr Erhalt dem Ort gut täte und sie beide eine konstruktive (im wahren Wortsinne) Beschäftigung ortsbildprägend umsetzen könnten. Und sie haben nicht nur Erfolg, sondern bisweilen mehr Arbeit als ihnen lieb war. Doch das halten die Wahl-Ostfriesen aus, weil sie ja irgendwann zur Ruhe kommen wollen und ähnlich geschmeidig durch den Tag kommen werden wie ihre Gäste das in ihren Ferienwohnungen tun.

Konrad erzählt: „Hallo Rudi,

wir sind ziemlich im Stress. Unser neues Haus muss unbedingt fertig werden, die ersten Gäste kommen. Alles ziemlich hektisch. Mal schau’n, ob das gut geht.

Es gibt ja so bescheuerte Details, an die erst einmal keiner denkt und die dann sozusagen in drei Tagen erledigt werden sollen. Ellen hat ausgerechnet, dass wir in unserem neuen Haus (zwei Wohnungen) 41 Bilder an den Wänden brauchen. 41 – es ist nicht zu fassen. Die Rahmen haben wir auch schon. Also habe ich mich heute daran gemacht, in meinem vor Unordnung strotzenden Bildarchiv (klingt so als wäre es meines) nach geeigneten Motiven zu suchen.

Dabei ist mir eine Reportage in die Finger gefallen, die das „Ostfriesland Magazin“, eine Art Stadtillustrierte für Ostfriesland, über uns veröffentlicht hat. Ich schicke Dir die Reportage mal.

Sie hört allerdings bei den ersten drei Objekten auf. (Weiha, wie viele sind es denn insgesamt schon? Muss ich noch erfragen.) 2010 haben wir ein Riesenobjekt gleich am Greetsieler Hafen dazu gekauft und auch umbauen lassen. Da gibt es heute acht Wohnungen, eine bewohnen wir selbst. Und justament dieses Jahr (Februar) haben wir ein uraltes Haus 280 Meter entfernt, direkt am Deich liegen, erworben, eben jenes, das Freitag fertig sein muss.“ (Ich beginne zu zweifeln, dass die zwei jemals zur Ruhe kommen wollen.)  Das östliche Revier scheinen sie jedenfalls nicht zu vermissen.

Es gibt da eine neue, mir noch nicht bekannte Liebe in Konrads Leben. Liv heißt sie, sein Enkelkind. Konrads Worte wirken entzückt, was er auch ganz sicher sein wird. Ebenso von seiner Schwiegertochter Antje, die dem niedergelassenen Arzt Patty Harmelink, der inzwischen nach Konrads Angaben (und der muss es ja wissen) 40 Jahre zählt, in Beverungen an seiner Seite steht. Menno, 40, Dreck ich bin alt geworden.

Konrad weiter: „Zum aktuellen Bestand: Wir haben aktuell 5 Häuser, 4 stehen unter Denkmalschutz. Einzelheiten sind zu finden unter  www.traumferien-ostfriesland.de. Das neue Haus ist aber da noch nicht bei, ist aber bei facebook bei „Landhaus Greetsiel“ in einem Album mit allen Schritten des Bauens in den letzten Monaten zu sehen.“

Ich bin nun ziemlich neugierig geworden und wünsche mir mehr Informationen über den Fortgang der Dorfsanierung an der Nordseeküste, über die familiäre Weiterentwicklung, über menschliche und tierische Schicksale im beschaulichen Greetsiel. Moin, Moin, Konrad, Ellen, Liv und Patty.

Ellen Sarrazin vor dem wunderschön sanierten Traumhaus, einem ehemaligen Bauernhof in Forlitz-Blaukirchen am Großen Meer, etwa 28 km von Greetsiel entfernt. (Fotos: Privat)

Nun sollte noch ein wenig Illustration nachgetragen werden, Bilder, die von dem berichten, was Ellen und Konrad dort oben erwarben, bevor das daraus wurde, was heute schmückend in der ostfriesischen Siedlungslandschaft rund um Greetsiel steht und Feriengäste familiär aufnimmt. Und Bilder von der neuesten Schönheit, die diese beiden rastlosen Rastfahnder auf der Leeseite des Greetsieler Deiches wiederhergestellt haben.

Dieser Anblick hätte sich dem Gast geboten, wenn er vor Jahren in sein zukünftiges Ferienwohnzimmer geblickt hätte. (Fotos: Konrad Harmelink)

Dieser Anblick hätte sich dem Gast geboten, wenn er vor Jahren in sein zukünftiges Ferienwohnzimmer geblickt hätte. (Fotos: Konrad Harmelink)

Derselbe Raum, nur ei wenig umgebaut.

Derselbe Raum, nur ein wenig umgebaut.

Gerade erst fertig gestellt, das Haus am Deich, Lage kaum noch zu übertreffen.
Gerade erst fertig gestellt, das Haus am Deich, Lage kaum noch zu übertreffen.

Hier lässt es sich doch ausruhen, gerade bei diesem Wetter (es ist Sommer 2013).

Hier lässt es sich doch ausruhen, gerade bei diesem Wetter (es ist Sommer 2013).

Liebe zum Detail. Ellens Handschrift ist erkennbar, die auch das Interieur zu Konrads Verblüffung mit 41 Bildern ausstattete.

Liebe zum Detail. Ellens Handschrift ist erkennbar, die auch das Interieur zu Konrads Verblüffung mit 41 Bildern ausstattete.

 

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