Ein Tag, der wirklich nicht gut begann

Es dringt in jeden Menschen ein, wenn er davon erfährt, in den Nachrichtensendungen davon hört, dass ein Säugling gefunden wurde, tot, abgelegt irgendwo. Dann schaukeln sich emotionale Ausbrüche auf, bei den einen in Traurigkeit mündend, bei anderen in schrille Empörung, wieder andere beginnen zweifelnd zu sinnieren, was eine Gesellschaft alles falsch gemacht haben könnte, das möglich wurde, was geschah. Es dringt in jeden Menschen noch stärker ein, wenn solches sich in der eigenen Stadt ereignet, sozusagen in direkter Nachbarschaft, der Mensch im wahren Wortsinne sich sehr direkt betroffen fühlt:

6.30 Uhr Donnerstagmorgen (11. Juli 2013), Polizeieinsatz auf dem Kirchplatz. In einer noch recht neu anmutenden Tasche war eine Säuglingsleiche gefunden worden. Entsetzen in der direkten Nachbarschaft. Mutmaßungen kreisen um Personen, die schon tags zuvor da oder dort beobachtet wurden, dass die besagte Tasche schon einige Zeit am Fundort gesehen worden sein soll. Aus Dortmund fährt die Mordkommission heran und nimmt die Ermittlungen auf. Eine ganze Maschinerie setzt sich nahezu reibungslos in Gang.

Ich bin ebenso entsetzt wie all‘ die, deren direkte – meist unfreiwillige Konfrontation mit dem Geschehen – sie emotionalisiert. Ich denke ebenso darüber nach, dass irgendwo in der Stadt ein Mensch in schlimmer emotionaler Not war, Signale aussandte, die niemand verstand, weil nur dieser Mensch wusste, dass die Signale und Hilferufe deshalb entsandt wurden, weil er sich nicht aus der eigenen Sprachlosigkeit befreien konnte. Die genauen Gründe seiner Not, werden nun ermittelt, sicher auch gefunden. Die Gründe, warum die direkte Umgebung des Menschen sie übersah, werden schwer ermittelbar sein.

Ehrlich gesagt, dieser Tag hat nicht gut begonnen.

Und er nahm auch einen ebenso unerfreulichen Abschied. Am Nachmittag veröffentlichte die Polizei die folgende Pressemitteilung:

In den frühen Morgenstunden des heutigen Tages wurde am Kirchplatz 7 in Unna an einem Seiteneingang der dortigen Kirche die Leiche eine männlichen Neugeborenen, die vollständig bekleidet war, in einer Plastiktüte aufgefunden. Bei dem Leichnam befand sich ein maschinenschriftlicher Brief in englischer Sprache, der den Rückschluss zulässt, dass die Mutter (jedenfalls auch) die englische Sprache beherrscht und in dem sie ausführt, dass sie den Leichnam in die Obhut der Kirche geben will.

Die im Auftrag der Staatsanwaltschaft Dortmund durchgeführte Obduktion ergab, dass das Kind bei seiner Geburt gelebt hat. Es dürfte vor etwa ein bis zwei Tagen verstorben sein. Die Geburt erfolgte offensichtlich unprofessionell. Weitere Angaben zur Todesursache und Todesart werden derzeit aus ermittlungstaktischen Gründen nicht gemacht, da es sich dabei um originäres Täterwissen handelt.

Es wird um Hinweise aus der Bevölkerung gebeten betreffend – Wahrnehmungen am Auffindeort – Wahrnehmungen von Frauen, die bis vor wenigen Tagen schwanger waren und nunmehr nicht mehr sind, ohne über ein neugeborenes Kind zu verfügen – Frauen, die sich in ärztliche Behandlung begeben haben. Ermittelnder Staatsanwalt: Dr. Heiko Artkämper

Für die Hinweisaufnahme steht die Kriminalwache Dortmund , Tel. 0231-1327999, oder jede andere Polizeidienststelle zur Verfügung.

Ja, die Kriminalbeamten brauchen so etwas wie distanzierte Nüchternheit, wenn sie solche Meldungen verfassen, sonst wären sie sehr bald kaum mehr berufsfähig. Mir versetzten allerdings beigefügte Bilder vom Strampler des kleinen Jungen einen gefühlten Tritt in die Magengrube. Bin wohl längst nicht mehr in der Verfassung, mich professionell vom Geschehen zu entkoppeln.

1 comment for “Ein Tag, der wirklich nicht gut begann

  1. Heike Gutzmerow
    11. Juli 2013 at 12:28

    Lieber Rudi,

    besser hätte man es leider gar nicht beschreiben können. Dieser Tag hat nicht wirklich gut begonnen.

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