Gedanken zur Entschleunigung des Menschen im Rentner-Dasein von Karl Feldkamp

Planungssicherheit

Da sehnt sich der gewöhnliche Arbeitnehmer viele Arbeitsjahre lang nach der großen Freiheit. Wunsch- und Traum-Projekte, die er bisher aufschob, da ihm die Gelegenheiten fehlten, sollten mit Rentenbeginn endlich Realität werden. Besonders in den letzten Berufsjahren keimte die Hoffnung, ab dem ersten Ruhestandstag, von Arbeitspflicht und Termindruck befreit, genussvoll und vor allem planlos zu tun, was des Senioren Lust verlangt.

Doch dann muss er ernüchtert feststellen: Die Planerei geht unvermindert weiter – nur unter erschwerteren Bedingungen. Was aber noch ärgerlicher ist, wie im Berufsleben vor Betreten des vermeintlich Ruhestandsparadieses haben jene Pläne – wie zu Arbeitszeiten schon – die gewohnt fatale Neigung, teilweise oder gänzlich fehl zu schlagen.

Allein zum Zweck des notwendigen Überblicks ständig die Brille suchen zu müssen, ist eine jener Pläne zerstörerischen Alterserscheinungen. Allzu gern vergisst der Senior ihren gewöhnlichen Aufenthaltsort, um schließlich doch festzustellen, dass sie auf der Nase sitzt. Bei jeder Suchaktion muss er geplante Handlungen aufschieben. Zum Beispiel das Zeitunglesen oder das Essen eines leckeren Fischgerichts, dessen Gräten er ohne Sehhilfe nicht zu entfernen vermag.

Selbstverständlich musste es einst im Arbeitsleben zu früher Stunde im häuslichen Bad auch schon planvoll zugehen. Vom Aufstehen bis zum Verlassen der Wohnung blieb kaum Zeit für das Frühstück. Und um pünktlich zu Beginn der Kernarbeitszeit im Büro zu erscheinen, war gewöhnlich nach Verlassen der Wohnung bis zur Garage besondere Eile oder zu öffentlichen Verkehrsmitteln gar Laufschritt angesagt.

Doch dort, wo vor Renteneintritt die elektrische Zahnbürste in ihrer Halterung zu finden war, steht nach Renteneintritt plötzlich ein neuer Elektro-Rasierer, den gekauft zu haben, alterman sich nicht erinnern kann. Und dabei passt dieser futuristisch anmutende Apparat nicht einmal in die Zahnbürstenhalterung. Das Rasierwasser findet sich unerwartet in jenem Fach des Badezimmerschranks, in dem zuvor immer das Deo auf seinen Schweißgeruch unterbindenden Gebrauch wartete. Ja, und gelegentlich benetzt der Deo-Roller sogar die frisch rasierten Wangen, während das Aftershave unter den nicht ausrasierten Achseln brennende Frische und angenehmen Wohlgeruch verbreitet.

Nach hastigem Frühstück beginnt der Kontrollgang durch die Wohnung. Sind der Elektro-Herd, das Radio und der Fernseher abgeschaltet? Brennen keine Kerzen mehr? Sind alle Lampen gelöscht? Läuft da nicht der Wasserhahn im Bad? Zumeist brennt noch das Licht im Schlafzimmer. Nein, diesmal ist es die Beleuchtung auf dem Balkon, die er am Abend des Vortages bereits vergaß…

Nach Verlassen der Wohnung zwingt beinahe regelmäßig der seit Jahren zunehmende Druck auf ein Verdauungsorgan, das der geplagte Senior zu entleeren vergaß, zu schleuniger Umkehr. Nach Verrichtung des notdürftigen Geschäfts findet sich beim erneuten Kontrollrundgang in der Küche jene Box mit diversen Tabletten, die der alternde Organismus nach Ansicht der Ärzte und der geschäftstüchtigen Pharma-Industrie dringend einnehmen muss. Die Box liegt bereits seit dem vorangegangenen Abend unberührt auf dem Regal mit dem Arzneimittelnachschub. Also ran an den Kühlschrank und nach der Mineralwasserflasche gegriffen, um mit einem kräftigen Schluck aus der Pulle die Tabletten hinunterzuspülen.

Die Flasche mit dem Beruhigungsschnaps, die erstaunlicher Weise stets am gewohnten Platz in der Kühlschranktür steht, müsste jetzt eigentlich nach der ganzen Aufregung zum Einsatz kommen. Doch es ist noch früh am Tag und alterman trinkt gewöhnlich nicht vor dem Mittagessen. Also widersteht er.

Der Blick zur Küchenuhr bestätigt allerdings, dass es bereits drei Uhr ist. Bei genauerem Hinsehen durch die noch nicht geputzte Brille – er konnte vor dem ersten Verlassen der Wohnung die Brillenputztücher nicht finden – stellt er enttäuscht fest, dass sich der Sekundenzeiger der Uhr nicht bewegt. Wo sind jetzt die Batterien? Auf der Armbanduhr ist es leider noch Vormittag.

Aber die Zeit ist so fortgeschritten, dass er sich beeilen muss, rechtzeitig zum Seniorenstammtisch zu kommen. Einmal in der Wochen freitags treffen sich Nachbarn, Freunde und ein ehemaliger Kollege zur Mittagszeit, essen Deftiges, um eine Grundlage für jenes Kölsch zu schaffen, das sie ab 14 Uhr in geringen Maßen zu trinken pflegen. Immer nur Null-Zweier-Gläser. Keine Null-Dreier, da die sich genauso schnell leeren, wie die kleineren.

Nach 16 Uhr – alterman gönnt sich ja sonst nichts – überstimmen ihn die Stammtischbrüder, endlich einmal die Gesundheit zu vergessen. Und einmal wöchentlich die Gesundheit zu vergessen, vergaßen sie noch nie.

Wenigstens das gibt einmal in der Woche Planungssicherheit.

Karl Feldkamp2

Karl Feldkamp wurde 1943 in Lübeck geboren und lebt seit 2011 In Engelskirchen-Wallefeld.
Er schreibt Lyrik, Prosa, Satire, Aphorismen und Rezensionen.
Bisher veröffentlichte er 5 Bücher, (darunter AngstAugen, Dittrich Verlag, Köln 1997) ein E-Book,
ein Hörspiel sowie Lyrik und Prosa
im In- und Ausland in Literaturzeitschriften, Schulbüchern, Anthologien und im Rundfunk.
2 Bücher gab er zudem heraus.
Er erhielt den Xylos-Lyrikpreis 1981, 2009 den Preis des Stadtverbandes Kultur
Bergisch Gladbach Der Bopp.
Er ist Mitglied im Verband Deutscher Schriftsteller (VS) sowie in diversen Kulturinitiativen.
Sein Motto: Bei jedem Irrtum gewinnt die Wahrheit Zeit.
(Foto: Privat)

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