Unna schuf und bewahrt sich eine Kultur der Erinnerung

Altbürgermeister Wilhelm Dördelmann

Wilhelm Dördelmann

Es wurde leidenschaftlich diskutiert, manche zweifelten, andere waren sich sicher: In Unna gibt es eine seit vielen Jahren tradierte und für die Zukunft gepflegte Erinnerungskultur. Es wird nachhaltig daran erinnert, was sich in den schlimmen Zeiten des Nazi-Terrors ereignete, es wird für jeden erkennbar auf die Stadt heruntergebrochen. Denn: Deutschland und auch Unna wurden nicht unversehens von den Nazis besetzt, direkt hier in unserer Stadt spielte sich Furchtbares für Menschen ab, die nicht in das Bild einer unmenschlichen Ideologie passten. Manche Namen begegnen uns heute noch, Namen von Opfern und Namen der Täter.

Unnas ehemaliger Bürgermeister Wilhelm Dördelmann hielt unlängst einen leidenschaftlichen Vortrag im Kulturausschuss, als dieser über das Thema „Erinnerungskultur“ diskutierte, weil ein Antrag dazu Anlass gab, den der ehemalige Stadtwerke-Chef Dr. Christian Jänig und Superintendentin Annette Muhr-Nelson in ihrer Eigenschaft als Vorsitzende des Freundeskreises der jüdischen Gemeinde des Kreises Unna gestellt hatten.

Hier das Manuskript des Vortrages von Altbürgermeister Wilhelm Dördelmann:

Erinnerungskultur in Unna

Simon Wiesenthal
„Wie vermittelt man das Wissen über den Nationalsozialismus und den Faschismus in seiner extremsten und grausamsten Form, wie sie in der Judenvernichtung zum Ausdruck kam?
Wie erzähle ich dieses Unbeschreibliche einem, der das Glück hatte, verschont zu bleiben einem jungen Menschen, der nach dem Krieg geboren wurde?“

 

Nachkriegszeit:

Der lange Weg >>>Vom Schweigen zum Bekennen

Es wurde nicht darüber geredet, Zeit wurde ausgeblendet

War beinahe so, als sei Deutschland von den Nazis besetzt gewesen.

 

Die Zeit des Neuaufbaus, des Wirtschaftswunders, machte es leicht zu verdrängen.

Viele alte Nazis hatten sich in die neue BRD integriert und arrangiert, besetzten hohe Ämter wie Filbinger als damaliger Ministerpräsident in Baden-Württemberg.

 

Es kam in den 60-er Jahre die ersten Naziprozesse (z.B. Frankfurt Auschwitzprozess)

Es kam erstmals zu einer breiten medialen Darstellung unfassbarer Verbrechen,

aber es herrschte immer noch die Meinung vor,

dass dies alles Verbrechen waren, die von bestialischen Einzeltätern vollbracht wurden, die auch noch auf Befehl gehandelt hätten und gewissermaßen keine andere Wahl hatten.

Der Aspekt der Mitverantwortung der deutschen Bevölkerung im Räderwerk der Mordmaschine wurde immer noch weitgehend ausgeblendet.

Aus meiner Erinnerung brachten dann z.B. Filme wie Der Holocaust 1978 (US-Vierteiler) oder das Tagebuch der Anne Frank eine entscheidende Wende:

Wieder Simon Wiesenthal zur Vermittlung des Wissens um die Verbrechen: „Auf direktem Weg, durch das Präsentieren von Dokumentar- und Erlebnisberichten war das nicht möglich, es führte zu einer Langeweile des Grauens, vor allem bei der jungen Generation.
Eichmann sagte schon 1944: „100 Tote sind eine Katastrophe, 1.000.000 Tote sind eine Statistik“ – und er hatte Recht.

Der Mensch ist nur imstande, sich mit Einzelschicksalen oder dem Schicksal einer kleinen Gruppe zu identifizieren, nicht aber mit einer unvorstellbaren Ziffer aus einer Statistik.“

Dies war nun Aufgabenstellung Anfang der 80-er Jahre:

Die Verbrechen in der Zeit von ’33 bis ’45  fanden nicht nur irgendwo in Deutschland statt.

Nein auch in unserer Stadt ist das vor aller Augen geschehen.

Jeder konnte miterleben, was sein jüdischer Nachbar erleiden musste:

von kalter und selbstgerechter Gleichgültigkeit über Intoleranz, Vorurteile und Neid bis hin zu offenem Hass.

Dies alles  war auch in unsere Stad unmittelbar erlebbar.

 

Zum Abschluss dieser Vorbetrachtung — noch auf eine Frage eingehen, die dauernd gestellt wurde:

Warum kümmert ihr euch nach so langen Jahren noch darum?

Die Antwort musste und muss auch heute  ganz schlicht lauten: um der Wahrheit willen.

 

Wir müssen in Erinnerung halten, was geschah, wie es geschah und warum es geschah.

Denn Geschichte ist nicht einfach nur Vergangenheit, Geschichte ist oft auch immer noch Gegenwart.

Oder anders gesagt:

Die Vergangenheit ist nicht einfach tot. Sie ist oft noch nicht einmal vergangen.

Wir sehen das daran, dass immer noch viel brauner Müll in manchen Köpfen herumgeistert.

(Siehe NSU-Prozess aber auch ein Blick nach Dortmund, und Unna nicht vergessen)

Wie war der Wissensstand in Unna? Es gab in Unna nur wenig öffentlich zugängliches Material zur

Geschichte der jüdischen Kultusgemeinde und insbesondere zu Ereignissen zwischen 1933 und 1945.

Klaas Schulze-Bertschik, Lehrer aus Unna, hat in intensiven Recherchen die Schicksale der Juden aus Unna erforscht und uns Listen über Namen der Menschen übergeben, die Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft wurden.

Dies war ein erster sehr wichtiger Schritt zu einem ehrlichen und offenen Umgang mit den Geschehnissen in unserer Stadt.

Es wurde deutlich, dass Bürgerinnen und Bürger in unserer Stadt gedemütigt, gequält und deportiert wurden.

Eine Deportation, die immer in einem KZ endete, in denen sich dann die Spur fast immer verläuft und nur an wenigen Stellen das tatsächliche Todesdatum ermittelt werden konnte.

 Mit dieser Recherche bekamen die Opfer ihre Namen wieder.

Dies war ein wichtiger Schritt, denn die Nazis wollten die Namen verschwinden lassen und damit auch die Erinnerung an die Menschen.

Damit war die Voraussetzung gegeben:

In Unna einen Ort zu schaffen, an dem wir uns der Menschen erinnern konnten, denn wir hatten ihnen ihre Namen wieder gegeben.

 Der Platz wurde in Absprache mit Vertretern der jüdischen Kultusgemeinde Dortmund und insbesondere mit dem damalige Landesrabbiner Emil Davidovic  abgestimmt.

„Wir haben uns hier an diesem Orte versammelt, in unmittelbarer Nähe des Friedhofes der ehemaligen jüdischen Gemeinde Unna, des Ortes des ewigen Friedens und der Nähe des Ortes, den wir Juden das Haus des Lebens nennen, denn er ist das Haus der letzten Sammlung allen Lebens, wie die Heilige Schrift so schön unsere Friedhöfe nennt, um teilzunehmen an dem pietätvollen Akt der Enthüllung und Einweihung eines längst fälligen Denkmals für die Opfer von Hass und Gewalt.“

Es folgten Gespräche mit gesellschaftlichen Gruppen unserer Stadt:

Parteien, Gewerkschaften, Kirchen.

Nach erzielter Einigkeit konnte am 01.Dezember 1985 der Gedenkstein am jüdischen Friedhof eingeweiht werden.

Gedanken aus den verschiedenen Redebeiträgen.

Nachdem dieser erste wichtige Schritt geleistet war, war uns allen klar,

>>> dass wir weiter machen mussten:

Es wurde eine AB-Maßnahme ins Leben gerufen mit dem Ziel, mehr über die Geschichte der Juden in Unna zu erfahren.

Wichtig war dann auch, dass noch Zeitzeugen befragt werden konnten.

Dass zu Namen auch die Bilder (Fotografien) gefunden wurden und Lebens- und Leidensgeschichten dieser Menschen aufgeschrieben wurden.

 

Dokumentation „Juden in Unna“ wurde erstellt und veröffentlicht (1993). 1998 Ausstellung im Museum zu diesem Thema.

 

Briefverkehr mit ehemaligen Unnaer Juden.

 

Ehemalige Unnaer Juden wurden nach Unna eingeladen. (Israel, Schweden, USA)

Es kam zu Gesprächen in Schulen aber auch z.B. auf dem Markt mit Unnaer Bürgern.

Erinnere an Eugen Laronne (Löhnberg) Kontakt zu Pfarrer Freudenberg (oft in Israel besucht, Schulen in Unna

Unsere Gäste haben Bäume pflanzen lassen (Im Negev und „In Dankbarkeit für alles was Sie getan haben, um die Erinnerung an die Unnaer Juden am Leben zu halten. Drei Bäume wurden im „Wald der rechtschaffenden Helden“ gepflanzt.“

 1993 Stadtrundgang für Schüler der Sekundarstufe: Juden in Unna – eine Spurensuche (1993)

An 9 Standorten wurden die Geschichte der Juden in Unna dargestellt, Familien und ihr Schicksal wurden vorgestellt.

Ausstellung Sonja Weis (1996)  im Museum und in Stadtkirche: Leben wollt ich! Leben wollt.. Leben.

„Es war mir ein Anliegen, verfolgte und ermordete Menschen aus der Anonymität der Millionen als einzelne sichtbar werden zu lassen…..“

Veranstaltungen in Unna:

Seit dem 27. Januar 1996 findet der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus statt,  er wird regelmäßig in Zusammenarbeit mit Schulen durchgeführt. (Dank an meine Nachfolger BM Weidner und BM Kolter)

Ich erinnere an Aktionstage gegen Rassenhass .

Später: die Stolpersteine.

Straßenbenennungen

Weitere Erinnerungsarbeit in Unna (Zwangsarbeiter in Unna):

1995 Dokumentation „….zum Arbeitseinsatz nach Deutschland“ 

>>>> starkes bürgerschaftliches Engagement

>>>> Besuche ehemaliger Zwangsarbeiter in Unna

>>> Namen auf dem Gedenkstein für Zwangsarbeiter am Südfriedhof

>>> Außenstelle KZ Buchenwald

Die Vorlage (0157/13)listet weitere Orte der Erinnerung sehr sorgfältig auf

Friedensstein

Als Schlussstein am Rathaus vom Künstler Baron gestaltet.

>> sollte in künstlerischer Form ein Zeugnis der Zeit und der Diskussion dieser Zeit sein.

>>> damals viele Auseinandersetzungen zum Thema Frieden (z.B. Friedensparade…)
>>>>> Frieden aber nicht nur als Abwesenheit vom Krieg, sondern als gesellschaftliche Aufgabe im Alltag,

Grundgedanke zu diesem Stein:

Es gibt viele Steine in unserer Stadt, die uns daran erinnern, wo wir versagt haben.

Wo wir Opfer dieses Versagens beklagen.

Es ist ein Angebot:

Hier ist ein Stein, der uns daran erinnert, was unsere Aufgabe jetzt und in Zukunft ist

>>> gewissermaßen auch als Lehre aus der Vergangenheit:

>>>>>wir müssen uns für internationale Partnerschaften einsetzen (Europa der Bürger),

einsetzen für Demokratie -> Suchet der Stadt Bestes als gemeinsame Aufgabe, ich bin hocherfreut darüber, >> dass Bürger die Botschaft dieses Steines angenommen haben.

>>> spontan, ohne Aufforderung: >>>1. Golfkrieg, wir sehen dort immer wieder Kerzen und Blumen,

Festzug anlässlich des Westfälischen Turnfestes  oder in Gedenken an die Brandopfer in Solingen.

Wir müssen Blick nach vorne richten

Die junge Generation hat persönlich nichts mehr mit den schrecklichen Taten zu tun.

Aber sie müssen anerkenne, dass diese Taten Teil unserer Geschichte sind

Die Erinnerung an die Opfer gibt uns Lehren auf, die wir beherzigen sollten:

>Frieden und Menschlichkeit bewahren

>Fremdenhass und Rassenwahn bekämpfen

>Demokratie beherzt verteidigen. (Weimar ist nicht kaputt gegangen weil es so viele Radikale gab, sondern weil es so wenige Demokraten gab.)

Wir sind nicht im Besitz unveräußerlicher Grundwerte–müssen sie täglich erarbeiten.

Das ist die Aufgabe der Zukunft

Dabei werden wir nicht beurteilt nach der Zahl der Steine, die wir errichtet haben sondern danach, wie wir die Lehren aus dieser Zeit im Alltag umsetzen.

Welche Mittel wir heute anwenden um die Erinnerung lebendig zu erhalten muss ganz besonders intensiv mit jungen Leuten besprochen werden.

Die Diskussion die mit dem Antrag erneut angestoßen wird zeigt,

dass es eine Erinnerungskultur in Unna gibt.

Wir ruhen uns nicht aus wir entwickeln weiter.

Wir sind Stolz auf das, was geleistet  aber nicht behäbig.

Wir wissen, dass wir immer auf der Höhe der Zeit sein müssen, um auch die richtigen Antworten zu finden.

Noch ein letzte Gedanke:

Wir haben wieder eine aktive jüdische Gemeinde in unserer Stadt-  das ist großartig

Mit der Gemeinde über die Zukunft des Zusammenlebens sprechen

Nachsatz:

50 Jahre sind vergangen–neue Generationen herangewachsen–ein neuer Staat entstanden und mit ihm konnten sich auch neue, demokratische Traditionen entwickeln.

Es sind auch demokratische Gemeinsamkeiten über alle politischen. Gegensätze hinweg entstanden.

Zu diesen Gemeinsamkeiten zähle ich auch die gemeinsame Arbeit, die Geschichte unserer Stadt im NS aufzuarbeiten.– Dazu gehört auch unsere heutige Zusammenkunft

Dabei ist mir bewusst–nicht symbolische Akt einer Kranzniederlegung ist so wichtig, auch nicht das kollektive Bekenntnis zur Vergangenheit.

NEIN–Vergangenheit bewusst zu halten, Gegenwart zu gestalten—das ist immer eine ganz individuelle Leistung. Da stehen wir ganz persönlich in der Verantwortung.

 

Wir haben damit aber auch immer wieder Gelegenheit, darüber nachzudenken, wo es hinführt,

–wenn ein Volk, eine Stadt, ja jeder Einzelne für sich wegschaut, wo er eigentlich hätte hinsehen müssen,

–wenn er schweigt, wo er hätte aufschreien müssen,

–wenn er meint, Pflicht und Auftrag erfüllen zu müssen, wo eigentlich Mitmenschlichkeit so nötig gewesen wäre.

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